Wenn die Stadt vor der Tür steht
Denise und Sascha von der MA 6 kommen dorthin, wo offene Schulden und verwahrloste Wohnungen zum Problem werden. Doch hinter jeder Tür stehen Menschen mit eigenen Geschichten, Bedürfnissen und Meinungen, die bei der Suche nach einer Lösung mitreden sollen.
Wenn wir kommen, dann ist schon ganz schön viel passiert“, sagt Denise und klopft an der braunen Holztür. Eine Frau in einem schwarzen Trägerkleid macht auf. „Magistrat, guten Tag.“ Die Frau schaut Denise schockiert an. „Ich habe hier einen Rückstandsausweis, Sie haben das Schulgeld für Ihr Kind nicht bezahlt.“ Erst jetzt kommt Erkenntnis in die Augen der Frau – sie nickt und lässt Denise in ihre Wohnung.
Erhebungs- und Vollstreckungsbeamtin – das ist Denises Berufsbezeichnung bei der MA 6. Kurz gesagt kümmert sich Denise um das Eintreiben der Schulden der Stadt Wien. Sie sucht Unternehmen auf, klingelt bei Villen im 19. Bezirk, klopft an Wohnungstüren im Gemeindebau und sucht dort Parteien auf, die ihre Schulden nicht bezahlt haben. So wie die Frau im schwarzen Kleid.
„Können Sie das Geld denn heute bezahlen?“ Die Frau schüttelt den Kopf, sie dachte, um das Geld habe sich das Jugendamt gekümmert. Während Denise mit der Frau das Vermögensverzeichnis ausfüllt – wie viel verdient sie, wie hoch ist ihre Miete, hat sie Wertgegenstände – blickt sie der Frau offen ins Gesicht. Sie spricht ruhig, freundlich, aber bestimmt mit ihr. „Unfreundlich oder gar aggressiv auf die Menschen zuzugehen bringt absolut gar nichts. Ich bin ja nicht die Böse, sondern ich bin hier, um den Menschen zu helfen“, sagt Denise. „Sie haben Schulden und die müssen sie zahlen. Aber über den Weg dahin können wir reden.“
Der Weg zum Ziel
Wenn die Parteien ihre Schulden nicht direkt begleichen können, dann gibt Denise die Möglichkeit, in Raten zu zahlen. Oder sie gewährt den Menschen einen Aufschub, wenn sie sagen, sie können in einem Monat zahlen. Wenn jedoch nicht gezahlt wird, dann kann die MA 6 auch Gegenstände pfänden – Fernseher oder Autos zum Beispiel. Eine Ersatzfreiheitsstrafe ist bei Nichtbezahlung von Strafen auch eine Option: „Einige wollen dann lieber ins Gefängnis, als dass ihr Auto gepfändet wird. Aber die Entscheidung liegt bei mir.“
Viele bekommen einen großen Schock, wenn wIr vor Ihrer Tür stehen.
Die nächste Person, bei der Denise klingelt, ist ein älterer Herr. „Bei ihm war ich schon mal, er hat seine letzten Schulden nicht bezahlt und jetzt ist mir ein neuer Rückstandsausweis zugeteilt worden.“ Denise steigt die Stiegen hoch und als sie oben ankommt, steht der Mann schon mit seiner Bankomatkarte da: „Ich konnte letzten Monat nicht zahlen, aber jetzt hab ich das Geld.“ Denise nickt und zückt das Kartenlesegerät, stellt die Quittung aus und wünscht dem Mann noch einen schönen Tag.
„Das passiert schon recht oft, dass die Menschen direkt zahlen. Viele bekommen einen großen Schock, wenn wir vor ihrer Tür stehen.“ Die MA 6 kommt nicht, wenn die Parteien eine Rechnung nicht sofort bezahlen. Der Weg dahin besteht aus vielen Mahnungen und einem Brief der MA 6 mit einer Vorwarnung. „Die Briefe kann man schneller mal ignorieren, aber jetzt steht da plötzlich ein Mensch, der sich drum kümmert, das ist dann nochmal was anderes.“ Und je länger eine Person eine Rechnung nicht bezahlt, desto teurer wird es auch, da Mahngebühren anfallen.
Jede :r Gleich
Bei der Vollstreckung wird jeder Mensch gleich behandelt, egal wie hoch oder niedrig die Summe ist, egal wer da vor einem steht. Denn am Ende steht Denise vor einem Menschen. Jeder hat eine andere Geschichte und ein anderes Schicksal. Einige Geschichten begleiten sie auch noch bis heute: „Manche Menschen wollen auch einfach nicht zahlen, die sehen das nicht ein. Dann stehe ich einer Person gegenüber, die vom Leben gezeichnet ist, und wir versuchen zusammen eine Lösung zu finden.“ Nur nicht den Kopf in den Sand stecken – das ist ein Satz, den Denise regelmäßig zu ihren Parteien sagt.
Problemhäuser
Denise trifft täglich auf Menschen, die in einer schweren, aussichtslosen Situation stecken. Auf eben solche Menschen trifft auch ihr Kollege Sascha. Denn die MA 6 kümmert sich nicht nur um das Schuldeneintreiben der Stadt Wien. Unter anderem kümmern sie sich auch um die Problemhäuser Wiens. „Es sind vernachlässigte Bauten. Entweder kümmert sich der:die Eigentümer:in bzw. die Hausverwaltung nicht um ihr Haus, oder Bewohner:innen lassen ihre Wohnungen verkommen.“ Das erste Haus, in das Sascha an diesem Tag geht, ist ein Zinshaus im 10. Wiener Gemeindebezirk.
Wir treffen auf Menschen, die an einem Punkt sind, da geht es ohne Hilfe von außen nicht mehr weiter.
Schon beim Reingehen weht der Geruch von Urin durch das Treppenhaus. Am Boden liegen Windeln, leere Pizzakartons und Zigarettenstummel: „Uns wurde gesagt, hier gibt es Ratten und Kakerlaken“, Sascha geht weiter in das Haus hinein. Abgesperrt war die Hauseingangstür nicht, das sind die wenigsten Türen bei Problemhäusern. Die Postkästen sind fast alle aufgebrochen, und als Sascha um die Ecke sieht, werden der Gang, die Decke und die Wohnungstüren schwarz. „Hier hat es gebrannt – wahrscheinlich ein Kabelbrand vor einigen Monaten. Aber der Eigentümer kümmert sich nicht um die Renovierung.“ Sascha blickt auf eine Wohnungstür – wo mal oben Glas als Verzierung war, sind jetzt Löcher, der Rahmen des Türstocks ist verkohlt.
Reinigung
„Ich organisiere die Firmen, welche den sanitären Übelstand beseitigen und anschließend desinfizieren. Während der Aktion überwache ich die Arbeiten und spreche vor Ort mit den Menschen, die betroffen sind.“ Meistens werden die Beamt:innen von Nachbar:innen kontaktiert wegen des Gestanks. Die Wohnungen und Häuser werden dann begutachtet, und wenn die Zustände gegen das Wiener Reinhaltegesetz verstoßen, kommt Sascha ins Spiel.
„Es ist schon eine Aufgabe an die Tür von Menschen zu klopfen, um ihnen zu sagen, dass der bestehende sanitäre Übelstand in ihrer Wohnung für sie selbst und für die Nachbar:innen eine Gefahr darstellt und unerträglich ist.“ Aber in vielen Fällen sind die Bewohner:innen dankbar. „Ab einem gewissen Zeitpunkt werden viele Menschen einfach nicht mehr Herr der Lage“, so Sascha. Er hat schon so ziemlich alles gesehen. Tote Ratten in der Badewanne, Fäkalien in der Küche oder ein Müllberg als Bett. „Wir begegnen Menschen, die allein, ohne Hilfe von außen, nicht mehr weiterkommen.“
Gifthaus
Als letzter Stopp geht es zu einem sogenannten „Gifthaus“. Ein Wohnhaus, das von Außenstehenden als Ort für Drogenkonsum genutzt wird. „Hier haben wir vor einem Monat den sanitären Übelstand beseitigen lassen. Hier lagen überall Spritzen und Müll rum.“ Sascha blickt sich um „Die Matratze im Hof könnte schon wieder weg, aber ich sehe jetzt hier keine einzige Spritze rumliegen.“ Das sei ein gutes Zeichen, denn es heißt, dass die behördliche Maßnahme gewirkt hat und das Leben der Bewohner:innen wieder lebenswerter ist.
Denise und Sascha kommen täglich in Situationen, die unangenehm sind. Beide müssen Grenzen durchsetzen. Und beide versuchen gleichzeitig, die Menschen dahinter nicht aus den Augen zu verlieren. Denn wie Denise schon gesagt hat – das Ziel ist klar, aber über den Weg dahin lässt sich reden.