Mitsprache im Pflegealltag
Seit fast 40 Jahren arbeitet Saji in der Pflege. Als Personalvertreter stärkt er auch seine Kolleg:innen.
Dass alte Menschen oft allein gelassen werden, geht mir nahe“, sagt Saji und beugt sich zu einer Bewohnerin im Rollstuhl. Auf seiner Station im Pflegewohnhaus Floridsdorf leben aktuell 24 Menschen. Fast alle begrüßen ihn mit einem Lächeln. Seine positive Ausstrahlung steckt an – die Bewohner:innen ebenso wie seine Kolleg:innen.
Als Saji 1985 für ein Studium nach Österreich kommt, hat er seine Zukunft eigentlich anders geplant. Doch die Sprachbarriere und finanzielle Unsicherheiten fordern kurzfristige Entscheidungen. Weil ein gesicherter Aufenthaltsstatus an einen Job geknüpft ist, beschließt er eine Ausbildung zum Pflegehelfer zu beginnen. Ein Schritt, den er bis heute nicht bereut: „Wenn ich Menschen helfen konnte, gehe ich zufrieden in den Feierabend.“
Für bessere Arbeit
Das beschränkt sich nicht nur auf die Bewohner:innen der Pflegeeinrichtung. Seit mittlerweile 17 Jahren engagiert sich Saji als Personalvertreter und in der Wiener Arbeiterkammer. Das Interesse an Gewerkschaft und Mitbestimmung wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt: Sein Vater setzte sich bereits in den 1960er-Jahren in Indien für die Rechte von Beschäftigten ein. „Das habe ich schon als Kind bewundert.“
Heute ist Saji für viele Kolleg:innen die erste Anlaufstelle. Sein Büro ist oft dort, wo ihn jemand anspricht. Er hört zu, erklärt Rechte und sucht gemeinsam nach Lösungen. Besonders häufig wenden sich neue Mitarbeiter:innen an ihn – viele von ihnen sind erst seit kurzer Zeit in Österreich oder bringen internationale Berufs- und Lebenserfahrungen mit. „Ich möchte ihnen die Angst nehmen, für sich einzustehen“, sagt er. Deshalb spricht er über die Bedeutung von Gewerkschaft, Personalvertretung und AK. „Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch wahrnehmen.“
Mehr als Mitsprache
Gerade Beschäftigte, die neu in Österreich sind, benötigen häufig Unterstützung, die über arbeitsrechtliche Fragen hinausgeht – etwa bei Behördenwegen, aufenthaltsrechtlichen Anliegen oder der Pensionsversicherung. Gleichzeitig scheuen viele den Gang zur Personalvertretung. Sprachbarrieren und die Sorge vor Nachteilen halten sie oft davon ab. Wer vom Arbeitsplatz auch aufenthaltsrechtlich abhängig ist, verbindet einen Jobverlust mit existenziellen Ängsten.
Umso wichtiger sind Menschen wie Saji. Sie schaffen Vertrauen und machen demokratische Mitbestimmung im Betrieb erlebbar. Für viele Beschäftigte ist die Personalvertretung der erste Ort, an dem sie erfahren, dass ihre Stimme zählt – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit oder ihrem Lebensmittelpunkt vor Österreich.
Druck von unten
Doch während Saji Kolleg:innen unterstützt, wird sein eigener Arbeitsalltag immer schwieriger. Personalmangel belastet die Pflege massiv. Besonders im Nachtdienst zeigt sich das deutlich: Sind keine Ärzt:innen vor Ort, liegt die Verantwortung im Notfall beim Pflegepersonal. Gleichzeitig nehmen Dokumentation und organisatorische Aufgaben zu. „Man hat oft das Gefühl, dass man mehr schreibt als pflegt“, sagt Saji. Trotzdem ist er überzeugt: „Hier wird Pflege auf höchstem Niveau geleistet.“ Möglich sei das aber nur, weil die Beschäftigten täglich über ihre Grenzen gehen.
Für Saji steht fest: Ohne Gewerkschaft, Personalvertretung und AK werden sich die strukturellen Probleme in der Pflege nicht lösen lassen. Höhere Gehälter seien ein wichtiger Erfolg, doch sie allein würden niemanden dauerhaft im Beruf halten. „Man muss sich anschauen, warum so viele gehen.“ Es brauche ausreichend Personal pro Schicht, Dienstpläne, die ein Privatleben zulassen. „Es braucht dauerhaft Druck von unten“, sagt er bestimmt.
Tägliche Solidarität
Als er zurück auf den Gang geht, wird er wieder angesprochen. Eine Kollegin hat eine Frage zum Dienstplan, aus einem Zimmer winkt ihm eine Bewohnerin zu. Saji bleibt stehen, hört zu, lacht, erklärt. Genau darin sieht er den Kern seiner Arbeit – in der Pflege ebenso wie in der Personalvertretung: Menschen nicht allein zu lassen. Und für die laut zu werden, deren Stimme zu oft überhört wird.
Mitsprache endet für viele an der Staatsbürgerschaft
Wer in Österreich lebt und arbeitet, darf nicht automatisch politisch mitentscheiden.
EU-Bürger:innen dürfen an Gemeinde- bzw. Bezirksvertretungswahlen (in Wien) sowie an Europawahlen teilnehmen. Bei Nationalrats- und Landtagswahlen sind sie nicht wahlberechtigt. Drittstaatsangehörige dürfen an Arbeiterkammer-Wahlen teilnehmen, sind aber von allen politischen Wahlen in Österreich ausgeschlossen.
Von diesem Ausschluss sind besonders viele Beschäftigte in Berufen betroffen, die für unsere Daseinsvorsorge unverzichtbar sind. So haben beispielsweise rund 65 % der Pflegekräfte in Wien kein Wahlrecht in Österreich.
Gerade deshalb kommt der Mitbestimmung im Betrieb eine besondere Bedeutung zu. Für viele Menschen mit internationaler Biografie ist der Arbeitsplatz einer der wenigen Orte, an dem sie ihre Interessen demokratisch einbringen und mitgestalten können.
Starke Gewerkschaften, Betriebsrät:innen und Personalvertretungen mit migrantischen Kolleg:innen stärken die demokratische Mitbestimmung und tragen dazu bei, dass die Vielfalt der Belegschaft auch in ihrer Vertretung sichtbar wird.
Quelle: AK Wien (2023)