Zum Hauptinhalt wechseln

Mit den Händen sprechen

Walter arbeitet seit 37 Jahren als Gärtner im Schulgarten Kagran, dem Ausbildungsbetrieb der Wiener Stadtgärten. Als gehörloser Mitarbeiter zeigt er wie Inklusion, Kommunikation und Mitsprache im Arbeitsalltag funktionieren kann.

Als wir Walter das erste Mal treffen, stehen wir vor dem Schulgarten Kagran in Wien – zwischen Gräsern, Bäumen und Blumen. Er lächelt und winkt uns zu – wir winken zurück. Walter ist Gärtner, trägt ein hellgraues T-Shirt mit dem Stadt-Wien-Logo und eine grüne, kurze Hose – in der Hosentasche steckt eine Gartenschere. Vor dem Termin habe ich extra nachgeschaut, wie man „Hallo, ich bin Marlene“ auf Gebärdensprache sagt – aber in der Aufregung habe ich es vergessen. Denn Walter ist gehörlos und kommuniziert mit seinen Händen.

An Walters und meiner Seite ist heute auch Angelika – eine Dolmetscherin, damit wir uns unterhalten können: „Wenn du Walter eine Frage stellst, schau ihn an – auch wenn ich für euch beide übersetze. Denn das Gespräch findet ja zwischen euch beiden statt.“ Ich nicke, und dann geht es schon los in Walters Reich zwischen den Pflanzen.

Es hört nie auf

Im Glashaus ist es warm und feucht. Zwischen Gummibaum, Flamingoblumen und jungen Ablegern wandern Walters geübte Hände von Topf zu Topf. Jeder Schnitt sitzt, jede Pflanze hat ihren Platz. Zahlreiche Zimmerpflanzen, die mit den Lehrlingen vermehrt werden, verlassen jedes Jahr das Gewächshaus für die Tombola des Wiener Blumenballs. Seit 37 Jahren ist dieser Kreislauf der Arbeitsalltag von Walter. Er kümmert sich nicht nur um die Vermehrung und die Kultur von Zimmerpflanzen für den Berufsschulunterricht, sondern auch um die begrünte Wand im Schulgebäude. „Es hört nie auf. Es geht immer weiter“, sagt er und lächelt. Genau das gefällt ihm an seiner Arbeit. Dabei „sagt“ Walter die Worte nicht mit seiner Stimme. Er kommuniziert sie mit seinen Händen.

Dass Walter seine Arbeit liebt, merkt man schon allein daran, wie seine Augen leuchten, wenn er von seinen Pflanzen berichtet. Während viele Menschen Pflanzen als Dekoration sehen, kennt Walter ihre Geschichte. Er weiß, welche Mutterpflanze besonders kräftige Ableger liefert, wann ein Gummibaum geschnitten werden muss, und welche Pflanzen die Schüler:innen für ihre Prüfungen benötigen. Tausende Pflanzen betreut er Jahr für Jahr – oft allein.

Im Arbeitsalltag steht Walters Gehörlosigkeit nicht im Mittelpunkt. „Es ist wirklich absolut kein Problem, mich mit meinen Kolleg:innen zu verständigen“, erklärt Walter. „Wir unterhalten uns per Zeigen, Deuten oder mit dem Fingeralphabet. Das können besonders die älteren Kolleg:innen noch.“ Früher hatten viele auch einfach immer Stift und Papier dabei, heute geht das alles übers Handy.

Perfekter Arbeitsplatz

„Es fehlt mir nichts, es ist wirklich ein perfekter Arbeitsplatz“, deutet Walter. Ein Satz, den er im Laufe des Gesprächs mehrmals wiederholt. Dabei klingt seine Arbeit keineswegs selbstverständlich. Besprechungen, schnelle Zurufe oder Gespräche zwischen Tür und Angel können für gehörlose Menschen zu Hürden werden. Für Walter ist das an seinem Arbeitsplatz trotzdem kein großes Problem: Wenn mehrere gleichzeitig sprechen und er etwas nicht versteht, bittet er einfach darum, es noch einmal zu erklären. Seine Kolleg:innen tun das für ihn. Wieso auch nicht.

Ganz ohne Herausforderungen war sein Berufsweg allerdings nicht. Während der Lehre war Kommunikation deutlich schwieriger. Ein Mitschüler unterstützte ihn, buchstabierte Inhalte mit dem Fingeralphabet und half bei Prüfungen. Heute blickt Walter darauf gelassen zurück. Vielleicht auch, weil er längst selbst zu einer wichtigen Ansprechperson geworden ist.

Denn er pflegt nicht nur Pflanzen. Seit vielen Jahren bietet er Führungen in Gebärdensprache durch den Schulgarten Kagran an. Schon bei der ersten Führung sind zahlreiche gehörlose Besucher:innen erschienen- seitdem zeigt Walter Kindern aus Kindergärten oder Schulklassen und Erwachsenen seine Pflanzenwelt. „Meine Führungen brauchen eben ein bisschen länger“, so Walter. Gebärdensprache braucht Raum. Fragen ebenso.

Geduld

Diese Geduld prägt auch seinen Arbeitsalltag. Wenn neue Kolleg:innen beginnen, erklärt er ihnen zuerst, wie sie seine Aufmerksamkeit bekommen: durch Winken, ein leichtes Antippen oder Blickkontakt. Es sind Kleinigkeiten, die für ihn einen großen Unterschied machen.

Walter wünscht sich keine extra Maßnahmen. Er wünscht sich Menschen, die bereit sind, aufeinander zuzugehen. Ein paar Gebärden lernen. Das Fingeralphabet ausprobieren. Keine Angst davor haben, Fehler zu machen. „Es freut mich, wenn meine Kolleg:innen sich die Mühe machen, meine Sprache zu lernen.“

Zwischen den Pflanzen zeigt sich, wie einfach Inklusion sein kann. Nicht, weil alle dieselbe Sprache sprechen, sondern weil alle bereit sind, miteinander zu kommunizieren.