Internationale Solidarität
„Wir müssen unsere Stärke am Arbeitsplatz zurückgewinnen“
Die Generalsekretärin der britischen Gewerkschaft UNISON, Andrea Egan, über Privatisierung, Streikrechte und die Zukunft der Gewerkschaftsbewegung.
Andrea Egan
Generalsekretärin
58 Jahre alt
Gewerkschaftsmitglied seit 37 Jahren
Ihr Job in drei Worten:
Geradlinig, Arbeiterklasse, Gewerkschafterin
Die britische Gewerkschaftsbewegung steht vor einer schwierigen Aufgabe: Nach Jahrzehnten gewerkschaftsfeindlicher Gesetzgebung, Privatisierung und Outsourcing muss sie ihre kollektive Stärke zurückgewinnen. Davon ist die Generalsekretärin der UNISON, Andrea Egan, überzeugt. Ihre Organisation zählt rund 1,3 Millionen Mitglieder und ist damit eine der größten Gewerkschaften des Landes.
„Die Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse ist das Kerngeschäft der Gewerkschaftsbewegung“, sagt sie. Allzu oft sei dieses Ziel von Karrieredenken und der Nähe zu den politischen Machtzentren in Westminster in den Hintergrund gedrängt worden. Das habe zur Schwächung der Gewerkschaftsbewegung beigetragen. „Ich werde niemals akzeptieren, dass wir unseren Niedergang einfach verwalten.“
UNISON will deshalb den Schwerpunkt wieder stärker auf die Organisierung am Arbeitsplatz legen. Gewerkschaften würden sich zu häufig auf Dienstleistungen für einzelne Mitglieder konzentrieren. Entscheidend sei jedoch die gemeinsame Durchsetzungskraft der Beschäftigten. „Unsere Stärke beruht auf unserer Fähigkeit, Beschäftigte kollektiv zu organisieren und unsere Arbeitskraft zurückzuhalten“, so Egan.
Privatisierung
Besonders schwierig ist die Organisierung in Bereichen, die über Jahrzehnte privatisiert oder ausgelagert wurden. Zum Beispiel im Gesundheitswesen oder in der sozialen Betreuung gibt es heute zahlreiche private Arbeitgeber:innen. Wo früher öffentliche Arbeitgeber:innen standen, sind heute viele einzelne, private Unternehmen tätig. Für Gewerkschaften wird es dadurch deutlich schwieriger, Beschäftigte gemeinsam zu organisieren.
Die Antwort der Gewerkschaft lautet: Insourcing. „Wir brauchen eine Revolution des Insourcing, wenn wir die Macht am Arbeitsplatz wirklich wieder aufbauen wollen“, sagt die UNISON-Generalsekretärin. Dienstleistungen müssten wieder in öffentliche Strukturen zurückgeführt werden. Wasser und Energie gehören in öffentliche Hand. Das Argument, private Unternehmen würden effizienter arbeiten, überzeugt Andrea Egan nicht. Ihre Antwort lautet: „Effizienz für wen?“
Demokratisches Problem
Die Privatisierung habe zudem ein demokratisches Problem geschaffen. „Privatisierung zerstört die Verantwortlichkeit, die für Demokratie zentral ist“, sagt Egan. Werden öffentliche Dienstleistungen privatisiert, ist es für die Bevölkerung oft unklar, wer für schlechte Leistungen verantwortlich ist. Gleichzeitig gehen politische Kontrolle und Verantwortung zunehmend an profitorientierte Unternehmen über.
Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen erschweren die Arbeit der Gewerkschaften. Großbritannien hat einige der restriktivsten gewerkschaftsfeindlichen Gesetze Europas. Zwar hat die Labour-Regierung mit dem Employment Rights Act Verbesserungen beschlossen, unter anderem bei Streikabstimmungen und den Rechten von Beschäftigten. Die Gewerkschaft kritisiert jedoch, dass das Gesetz abgeschwächt worden sei und sich die Umsetzung verzögere.
Hoffnung
Trotz der schwierigen Bedingungen sieht Egan neue Hoffnung. Vor allem migrantische Beschäftigte organisieren sich zunehmend und kämpfen für ihre Arbeitsbedingungen. „Während es in einigen Bereichen schwieriger geworden ist, Beschäftigte zu organisieren, gibt es gleichzeitig neue Gruppen von Arbeitnehmer:innen, die eine Quelle von Dynamik und Hoffnung für die Gewerkschaft sind.“
Für die Zukunft nennt Egan drei zentrale Aufgaben: Die Gewerkschaften müssen ihre Stärke am Arbeitsplatz wieder aufbauen, von der Regierung einen politischen Kurswechsel verlangen und für eine deutlich weitergehende Stärkung kollektiver Arbeitnehmer:innenrechte kämpfen.
Egans Botschaft ist dabei unmissverständlich: „Niemalsaufgeben!“ Gewerkschaften dürfen nicht zu vorsichtig und konservativ werden. Entscheidend sei, dass Beschäftigte selbst aktiv würden. „Echte Veränderung kann nur entstehen, wenn die Beschäftigten selbst entscheiden, was sie wollen, und sich zusammenschließen, um es durchzusetzen.“
UNISON
- Mitgliederzahl: 1,3 Millionen
- Mitgliederstruktur:
- Gewählte:r Generalsekretär:in (alle 5 Jahre)
- Gewählter Nationaler Exekutivausschuss (alle 2 Jahre)
- 1 nationale Delegiertenkonferenz pro Jahr
- 7 Dienstleistungsgruppen und 4 selbstorganisierte Gruppen, jeweils mit eigener Konferenz und eigenem Ausschuss
- Ortsverbandsstruktur
- Politische Ausrichtung: Sozialistisch