„Wer Zukunft sagt, muss auch Gewerkschaft sagen“
Ali Mahlodji über gesellschaftliches Engagement
younited: Du motivierst Menschen, wir organisieren sie. Wie gehört das zusammen?
Ali Mahlodji: Viele Rechte, die wir heute für selbstverständlich halten, sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Menschen vor uns haben dafür gekämpft. Arbeitszeiten, soziale Sicherheit, Mitbestimmung oder faire Bedingungen am Arbeitsplatz wurden errungen, weil Leute aufgestanden sind und gesagt haben: Der nächsten Generation soll es einmal besser gehen.
Wenn wir das vergessen, verlieren wir irgendwann genau diese Errungenschaften wieder. Rechte funktionieren wie ein Muskel. Wenn man sie nicht trainiert und verteidigt, werden sie schwächer. Für mich sorgen Gewerkschaften dafür, dass dieses Training nicht aufhört. Sie bleiben dran, auch wenn es unbequem wird. Sie vertreten Menschen, wenn Konflikte entstehen. Genau das braucht eine demokratische Gesellschaft.
younited: Gewerkschaftsarbeit lebt von Engagement. Woher nimmt man die Energie, dranzubleiben?
Ali Mahlodji: Zuerst muss man lernen, sich von den Dingen abzugrenzen, die einem ständig Kraft rauben. Solange man nur auf das schaut, was belastet, wird es schwer, Motivation zu finden. Deshalb ist es wichtig, sich zu fragen: Was liegt überhaupt in meinem Einflussbereich und was nicht?
Das Zweite klingt vielleicht überraschend: Wenn es dir selbst nicht gut geht, dann tu etwas für andere. Bedingungslos. Aus Sicht der Gehirnforschung ist das hochinteressant, weil wir dadurch oft selbst wieder Energie und Freude spüren. Ich habe in meinem Leben gelernt: Wenn du mehr Motivation in dieser Welt möchtest, musst du selbst Motivation stiften. Wenn du mehr Liebe möchtest, musst du dich fragen, ob du selbst liebevoll bist. Wenn du dir mehr Respekt wünschst, musst du überlegen, ob du anderen respektvoll begegnest. Veränderung beginnt oft viel näher bei uns, als wir glauben.
younited: Wie schafft man es, trotz täglicher Krisenmeldungen optimistisch zu bleiben?
Ali Mahlodji: Indem man lernt, beides auszuhalten. Die Welt kann voller Herausforderungen sein, und trotzdem darfst du lachen, feiern und dein Leben genießen.
Ich mache mir Sorgen um meine Familie im Iran. Natürlich beschäftigen mich die Krisen dieser Welt. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich gleichzeitig mit Freund:innen zusammensitze, Freude empfinde oder schöne Momente erlebe. Mensch sein bedeutet für mich, genau das auszuhalten: das Mitgefühl für das Leid anderer und gleichzeitig die Fähigkeit, das eigene Leben weiterzuleben.
Meine größte Motivation entsteht daraus, etwas für andere Menschen zu tun. Gleichzeitig versuche ich, mich auf jene Menschen zu konzentrieren, die Kraft geben. Negative Erfahrungen wird es immer geben. Die Frage ist, ob wir ihnen erlauben, unseren Blick auf die Welt zu bestimmen.
younited: Wie gewinnt man junge Menschen für Engagement?
Ali Mahlodji: Ich möchte jungen Menschen klar sagen: Ihr dürft das. Ihr müsst nicht warten, bis euch jemand die Erlaubnis gibt. Ihr seid die Generation, die festlegen wird, wie die Zukunft aussieht. Viele sagen immer noch: „Früher war alles besser.“ Aber die Zukunft muss nicht die Vergangenheit sein. Die Zukunft ist das, was ihr daraus macht.
Gleichzeitig sage ich jungen Menschen immer: Wenn ihr euch engagiert, dann stellt euch auf Rückschläge ein. Harte Zeiten gehören dazu. Wer Veränderungen vorantreibt, wird Widerstände erleben. Das ist wie bei Superheld:innen in Filmen. Sie werden nicht dadurch zu Held:innen, dass alles glatt läuft, sondern indem sie Schwierigkeiten überwinden. Je größer die Herausforderungen, desto näher seid ihr oft an echter Veränderung. Wer das versteht, gibt nicht beim ersten Rückschlag auf.
younited: Braucht es Gewerkschaftsarbeit heute überhaupt noch?
Ali Mahlodji: Hundert Prozent. Wir leben in einer Zeit, in der viele Konflikten lieber aus dem Weg gehen, in einer oft zu satten Gesellschaft. Aber Fortschritt entsteht nicht dadurch, dass wir Probleme ignorieren und hoffen, dass sie jemand anderer löst.
Eine gute Gesellschaft funktioniert für mich wie eine gute Beziehung. Wenn man Paare fragt, warum sie nach zwanzig Jahren noch zusammen sind, lautet die Antwort selten: „Weil wir nie gestritten haben.“ Meistens sagen sie: „Weil wir gelernt haben, miteinander umzugehen und Konflikte auszutragen.“ Genau deshalb braucht es Gewerkschaften. Sie sind eine Kraft, die Entwicklungen vorantreibt und daran erinnert, dass Fortschritt immer das Ergebnis von Engagement ist.
Gerade deshalb dürfen Gewerkschaften stolz auf ihre Arbeit sein. Sie kämpfen nicht nur für die Menschen von heute, sondern auch im Andenken an jene, die diese Rechte erstritten haben, und für all jene, die nach uns kommen.