younion

E-Mail: info@younion.at
Hotline (01) 313 16 / 8300
Vom Handy: *900

Twitter

Karikatur eines Beraters Illustration von Alexander Kautz, 2016
Portrait von Norbert Pelzer Norbert Pelzer, Vorsitzender der Hauptgruppe 1

Wenn Beratung zur Bedrohung wird

Die öffentliche Hand ruft immer öfter nach externen Beratern. Das verkommt zum Ablasshandel. Eine Brandrede von Gewerkschafter Norbert Pelzer.

Während in den 80er- und 90er-Jahren die so genannten „Management Consultants“ von McKinsey, KPMG, Boston Consulting Group & Co, die damals in den großen Unternehmen ein- und ausgingen, als Kampftruppe des Neoliberalismus verpönt waren, sehen Bund und Länder heute ihre Dienste als Allheilmittel gegen den viel strapazierten Reformstau.

Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung vergeben seit einigen Jahren Beraterverträge scheinbar nach dem Motto „Was teuer ist, muss auch besser sein“.

Auch im Auftrag der Stadt Wien produzieren Beratungsunternehmen mehr oder weniger umfangreiche Berichte, auf denen für viel Geld schillernde Namen stehen und für die im Grunde lediglich „graue Akten“ in bunte Folien umgewandelt werden.

Die mit Beratersprech à la Outsourcing, Flexibilisierung, Humankapital, Entlassungsproduktivität und ähnlichen Floskeln unterfütterten Daten, Fakten und Zahlen stammen meistens von den MitarbeiterInnen der jeweiligen Dienststelle.

Woher sollten die externen Berater auch über Details Bescheid wissen?
Sie kennen das zu bewertende Projekt bzw. die zu analysierende Abteilung ja kürzer als jeder Praktikant.

Wenn Beratung zur Bedrohung wird

Die öffentliche Hand ruft immer öfter nach externen Beratern, weil man in schwierigen Zeiten offenbar gerne Entscheidungen delegiert und Verantwortung abgibt. Damit werden die eigenen MitarbeiterInnen demotiviert und ursprünglich sinnvolle Unterstützung verkommt zum Ablasshandel.

Analyse sowie Schlussfolgerungen unterscheiden sich nicht selten nur aufgrund der vielen englischen Vokabeln von dem vorhandenen Know-how in der betreffenden Abteilung oder dem jeweiligen Projektteam.

Seriöse Beratung erkennt mit neutralem Blick Verbesserungspotentiale und bietet Hilfe an. Viele unserer KollegInnen tun das zum Beispiel im Rahmen der Mutterberatung, der Schuldnerberatung oder der Bildungsberatung usw. BeraterInnen müssen Unterstützungsbedarf erkennen, etwaige Probleme rational analysieren und praktische Unterstützung geben können.

Beratungsergebnisse als Scheinbeleg für politische Initiative

Spätestens seit der Bankenkrise steht die Politik vor der Aufgabe, die öffentlichen Haushalte durch Kostensenkung in Verbindung mit umfassenden Reformen zu konsolidieren. Aber anstatt dass auf die Kompetenz und Erfahrung der eigenen Fachabteilungen gesetzt wird, rücken mobile Beraterteams an.

Die AuftraggeberInnen in Politik und Verwaltung begründen den notwendigen Beistand von außen gerne damit, dass man mit Gänsen nur schwer über Weihnachten reden kann. Es brauche unabhängige Berater, die der internen Reformskepsis geeignete Prozesse entgegensetzen und Ergebnisse unabhängig von Einzelinteressen der Ressorts garantieren.

Die wohlklingenden Expertisen der beauftragten Beraterhaben aber häufig nur einen Zweck: vorgegebene Ziele, als Vorschlag der externen Berater verpackt, durchzusetzen; oder man weicht mit ihrer Hilfe unangenehmen Entscheidungen aus und kann Verantwortung abgeben.

Denn wenn die Empfehlungen der Berater nicht fruchten, ist man als Auftraggeber auf jeden Fall aus dem Schneider. Die hohen Honorare sind zum Teil also Schmerzensgeld, damit Berater als Prügelknaben herhalten.

Ja, wenn es die Berater sagen ...

Zur Ablenkung werden Berater den MitarbeiterInnen, aber auch den BürgerInnen als Notärzte für das Wirtschaftssystem verkauft, das an allen Ecken und Enden krankt. Als Halbgötter in weißem Hemd mit Krawatte stehen sie den Unternehmen mit ihren Excel-Tabellen als Untersuchungsinstrument bei der Globalisierung genauso zur Seite wie den Kommunen im Kampf gegen die Zwänge der knappen Kassen.

Ihr Rezeptblock ist die Powerpoint-Präsentation; ihre Behandlungen, will man uns weismachen, wirken nur, wenn sie schmerzhaft sind. Und wenn sich der Zustand trotzdem nicht verbessert, war’s eben die falsche Medizin.

Schuld daran ist allein der verschreibende Arzt. Ob man sich an den Richtigen gewandt hat, wird nicht einmal hinterfragt.

Nur die Spitze des Eisberges

Die von der Gemeinde Wien offiziell ausgewiesenen Beratungskosten für EDV betrugen 2014 919.866,16 Euro, im Jahr 2015 1.328.581,60 Euro.

Für die Betriebe der Wasserversorgung sind 2014 727.118,10 Euro an Honoraren angefallen, im Jahr darauf 911.583,22 Euro. Für gesonderte Verwaltung wurde 2014 bzw. 2015 Beratung um 90.694,90 Euro bzw. 134.378,23 Euro zugekauft.

Die Beratungskosten für das Zentralamt beliefen sich 2014 auf 40.492,91 Euro im Folgejahr auf 202.374,69 Euro. Das sind allerdings nur jene Beträge, die auch unter dem Titel „Beratungshonorar“ gebucht wurden.

Der weitaus größere Teil wird unter der Kostenstelle „Zugekaufte Leistungen“ subsumiert. Und ist damit in den Finanzdaten der Stadt Wien nicht ersichtlich, die auf der Plattform www.offenerhaushalt.at allen BürgerInnen zur Einsicht zur Verfügung stehen.

Warum ist das Know-how von KollegInnen erst dann gefragt, wenn es von externen BeraterInnen auf unzähligen Powerpoint-Folien aufbereitet wird?

Es ist sicher nachhaltiger, den schon immer wieder notwendigen Blick von außen mit der langjährigen Erfahrung der MitarbeiterInnen sinnvoll zu kombinieren. Das würde nicht nur die Kosten merklich reduzieren, sondern auch brach liegende Potenziale der eigenen Belegschaft nutzen.

Ein Beispiel und zugleich Vorschlag von mir – gratis & ganz ohne –Beratungshonorar:

Warum bietet man KollegInnen, die nach fordernden Jahren im Bereich der sozialen Berufe ausgepowert sind, nicht die Möglichkeit zu Umschulung an, so dass sie bis zum Erreichen des Pensionsantrittsalters klassische Verwaltungsaufgaben übernehmen können?

Stellen Sie sich vor, es kommt jemand zu Ihnen nach Hause und analysiert Ihr Leben. Es werden Personen durchgecheckt, es wird Wohnraum vermessen, es werden Lebensgewohnheiten hinterfragt, Ausgaben auf ihre Notwendigkeit hin überprüft – und Optimierungsvorschläge im Umgang mit Ihrem Partner erarbeitet.

Der Berater oder die Beraterin bringt eine Außensicht ein, der die Historie Ihres Lebens fehlt. Parameter wie Zufriedenheit und Familienkultur werden ersetzt durch Effizienz und Kostenminimierung.

Man kann Dinge immer von mehreren Seiten her betrachten, aber wer bestimmt die „richtige“ Sicht?

Externe Berater bringen ihre Außensicht in ein Unternehmen – soweit so gut. Aber die MitarbeiterInnen im Magistrat haben die Erfahrung und Kompetenz, Strukturen und Abläufe bewerten zu können – wenn sie dazu befragt werden würden. Und zwar von ihren Vorgesetzten und nicht von externen Beratern.

Aber der Prophet im eigenen Land hat ja nur selten etwas gezählt.

Text: Norbert Pelzer, Vorsitzender der Hauptgruppe 1

Artikel weiterempfehlen

Impressum

Österreichischer Gewerkschaftsbund

Newsletterauswahl

Der younion-Newsletter

Geschlecht
Geschlecht:
Name
Newsletterformat
Newsletter-Format: