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Starke Frau #1: Die Wissenschafterin

Prof. Manuela Födinger aus der Wiener Klinik Favoriten ist der Kopf hinter dem Gurgeltest. Ein ausführliches Interview.

younited: Wie sind Sie auf die Idee mit dem Gurgeltest gekommen?

Manuela Födinger: Anfang März 2020 war es so, dass weltweit die Abstrichbestecke ausgegangen sind, also das, womit wir den Nasen-Rachen-Abstrich oder Mund-Rachen-Abstrichmachen. Michael Binder, der Medizinische Direktor im Wiener Gesundheitsverbund, hat ein E-Mail geschickt und eine Expertenrunde gefragt, was
man auch ohne Abstrich machen kann. Wir haben dann begonnen, in der medizinischen Literatur zu recherchieren und herausgefunden, dass bereits bei SARS-1 Rachenspülflüssigkeit zum Einsatz kam. Damit war die Idee mit
dem Gurgeln auf dem Tisch. Die Frage war dann, ob das bei SARSCoV-2 auch möglich ist. Dann haben alle zusammengeholfen und Tests durchgeführt. Wir haben bereits mit einem Abstrich positiv getestete PatientInnen auch gurgeln lassen. Und
das hat super funktioniert.

Wie war die Trefferquote vom Gurgeltest?

Wir haben zwei Lösungen ausgetestet. Die eine war salzhaltig, die andere kochsalzhaltig. Wir haben eine über 95-prozentige Übereinstimmung bei 500 Gesunden bzw. PatientInnen gefunden. Interessant ist übrigens, dass es PatientInnen gibt, die sind nur in der Lösung positiv, im Abstrich aber negativ. Und umgekehrt auch.

Gibt es da eine Erklärung dafür?

Grundsätzlich schon, weil wenn Sie jetzt anfangen krank zu werden, ist das Virus im oberen Bereich und wandert dann nach unten. Es hängt aber auch davon ab, wie man abstreicht. Abstreichen ist nicht so einfach. Wenn es anatomische Missverhältnisse gibt, kommen sie nicht bis hinten an die Rachenwand – und dann ist der Abstrich negativ.

Große Organisationen haben nicht den Ruf, besonders rasch reagieren
zu können. Wie konnte das mit dem Gurgeltest so schnell funktionieren?


Weil viele Menschen sehr viel gearbeitet haben. Wirklich viele und wirklichviel gearbeitet. Wenn man so etwas auf den Boden bringen möchte, braucht es
ein perfektes Team. Auf der klinischen Abteilung brauchen Sie die MedizinerInnen, die Pflege und auch die StudentInnen. Hat man einmal das Testmaterial, brauchen sie im Labor motivierte Leute und eine gute Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern.
Das Laborteam hier in der Klinik Favoriten ist ein Unikat, das können Sie
sich gar nicht vorstellen. Die sind so super. Die sind immer da und machen
und machen und machen. Ohne sie wäre gar nichts gegangen.

Die KollegInnen haben sicher viele Überstunden geschoben.

Gerade am Anfang hat das Team sehr viele Überstunden gemacht. Dann sind auch neue KollegInnen gekommen. Alle waren und sind hochmotiviert. Ich möchte aber auch kurz erwähnen, dass wir in der Klinik viele ÄrztInnen haben, die auch Wissenschaft und Forschung betreiben, sonst hätten wir es gar nicht heben können.

Wie war das bei Ihnen? Auf wie viele Stunden sind Sie Anfang März gekommen?

Ich kann es gar nicht sagen. Seit 26. Februar arbeite ich durch. Die Urlaube habe ich angetreten und gleich wieder abgebrochen. Ich komme in der Früh um acht da rein, und dann arbeite ich durch. Vielleicht kurz unterbrochen durch einen Kaffee. Es ist ein ständiges Dahinarbeiten, aber hoch motiviert für eine gute Sache.

Geht das nicht an die persönliche Leistungsgrenze?

Diese Krise verlangt vom ganzen Gesundheitssystem sehr viel ab. Ich würde sagen, eine Krise ist so. Man muss aber für sich persönlich wissen, wo die Grenze ist und auf sich aufpassen. Wir hätten aber sonst keine Gurgellösung, wir würden da nicht am Lutscher herumprobieren oder sonstige Sachen austesten.

Wie ist der Stand beim Lutschertest für Kinder?

Wir testen verschiedene Systeme. Zuerst schauen wir, ob sie bei Erwachsenen funktionieren. Dann bei Kindern, die nicht gurgeln können.

Könnte der Gurgeltest vom Schlecker abgelöst werden?

Theoretisch ist es denkbar. Wir haben schon Experimente gemacht. Eine reine Speichelprobe ist sehr gut geeignet. Den Laboren macht das aber weniger Spaß. Speichel ist zähflüssig und das kann die Automaten verstopfen.

Gibt es momentan eigentlich Materialmangel, so wie im ersten Lockdown?

Ja, zum Beispiel bei gewissen Spitzen für die Laborroboter. Die sind derzeit weltweit Mangelware und da muss man immer schauen, wo man welche herbekommt.
Auch jene Platten, wo die Proben hineingelegt werden, sind weltweit immer wieder aus. Plastik ist ein echtes Thema geworden. Auch für die Untersuchung wichtige Enzyme fehlen immer wieder.

Was passiert dann?

Wir sind im Gesundheits-Verbund so organisiert, dass die verschiedenen Labore verschiedene Testsysteme verwenden. Somit steht es auf breiten Boden. Und natürlich haben wir auch Vorräte.

Nicht nur das Material ist heiß begehrt, sondern auch das Fachpersonal. Haben Sie schon Jobangebote bekommen?

Der Bedarf an biomedizinischen AnalytikerInnen, BiologInnen, BiotechnologInnen und MolekularbiologInnen ist momentan sehr groß. Seit ich hier arbeite, habe ich immer wieder Job-Angebote. Es ist auch irgendwie angenehm, weil ich liebe meine Freiheit, und es ist einfach ein Gefühl von Freiheit, wenn man sich etwas aussuchen kann. Aber ich arbeite hier in einem Team, das es so nirgendwo gibt. Ich liebe diese Arbeit hier und die Leute. Hier rennt auch der Schmäh, das finde ich zum Beispiel wahnsinnig wichtig. Die Herausforderung können wir uns nicht aussuchen, aber wie wir damit umgehen schon.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu dem Virus? Haben Sie Angst davor?

Angst, in diesem Sinne, habe ich persönlich nicht. Wir sitzen hier im ‚Seuchen-Spital‘ und wir hatten schon mit MERS-CoV zu tun. Es hat bei uns auch schon den Verdacht auf Ebola gegeben, solche Proben gibt es bei uns. Wir sind ja ein spezielles Haus dafür. Ich selber komme ja aus der Tropenmedizin. Es gibt Dinge, vor denen ich mich
mehr fürchten würde als vor Corona. Vor Corona können wir uns schützen!
Ich habe öfter mit Leuten zu tun, wo ich mir denke, die haben das nicht
verstanden. Primär geht es darum, Abstand zu halten. Allein der Abstand bringt schon einmal Sicherheit. Abstand und Maske ist überhaupt super. Und dann noch gelegentlich lüften. Also da braucht man sich jetzt nicht fürchten, und das können wir alle tun in jeder Situation.

Sie sind in die Medizin gegangen, weil ihre Mutter schwer krank wurde.

Ich war 14, als meine Mutter, die nur 18 Jahre älter ist als ich, chronisch krank geworden ist. Und das hat mich schon sehr geprägt. Ich habe gesehen, wie eine blühende Frau durch eine Erkrankung mit sich selbst zu ringen begonnen hat. So habe ich einfach begonnen, Medizin zu studieren. Erstens wollte ich verstehen was sie hat, und zweitens wollte ich wirklich helfen. Das ist auch heute ein Motiv in mir,
ich helfe einfach sehr gerne.

Haben Sie Ihrer Mutter helfen können?

Als ich verstanden habe was sie hat, musste ich auch verstehen, dass ich ihr medizinisch nicht helfen kann. Auch das ist aber ein klares Ergebnis. Aber es hilft wahnsinnig, sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen, damit man dann damit zurechtkommt. Wenn meine Mutter im Spital behandelt wurde, war ich plötzlich die Frau in der Familie, mit 14. Mein Vater ist arbeiten gewesen, und ich habe meine kleineren Geschwister versorgt. Das hat mich sehr geprägt. Ich bin es gewohnt, dass man die Ärmel hochkrempelt. Jammern ist nichts für mich. Für meine Mutter übrigens auch nicht. Sie kommt trotzdem weiter in ihrem Leben und ist auch glücklich. Das habe ich, glaube ich, auch intus. Bei mir fängt das Jammern auf einer ganz anderen Ebene an. Wenn man gesund ist, kann man vieles bewältigen.

 

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