Wenn das Dasein endet
Auch die letzte Reise ist ein Teil der Daseinsvorsorge. Wir haben Thomas von der Bestattung Wien begleitet.
Die Kofferräume der lilafarbenen Vans stehen offen. Thomas Schicklgruber kontrolliert ein letztes Mal die goldenen Schilder auf den Särgen. Name, Geburtsdatum, Sterbedatum. Die Särge sind leer – noch. Die lilafarbenen Vans machen sich auf den Weg durch Wien, um Verstorbene abzuholen. Denn Thomas und seine Kollegen arbeiten bei der Bestattung Wien als Abholer.
„Anfangs war es fremd, die Verstorbenen zu berühren. Da war ich dann sehr vorsichtig. Aber das ist alles eine Gewöhnungssache.“ Thomas Schicklgruber ist schon 27 Jahre bei der Bestattung Wien und mittlerweile leitet er Abholungen. Thomas und seine Kollegen laden die schweren Holzsärge sorgfältig in die großen Wagen ein – sechs Särge transportieren sie heute, dazu kommen noch drei Urnen.
STOPP IM KRANKENHAUS
Die Route heute führt zu den Krankenhäusern der Stadt. Christoph Walter, Thomas’ Kollege hält vor der Klinik Landstraße: „Wenn eine Person verstirbt und bereits vorher geklärt wurde, welcher Sarg gewünscht wird, dann bereiten wir das vor und liefern den leeren Sarg an das Krankenhaus. Die Kolleg:innen vor Ort legen die verstorbene Person in den Sarg, und wir holen am Tag darauf den Sarg wieder ab.“ Bei dieser Klinik ist das anders. Das Krankenhaus hat keine Möglichkeit, die Verstorbenen aufzubewahren. Deshalb liefern die Abholer den hellen Holzsarg ab, betten die Leiche um und nehmen den Sarg wieder mit.
Die nächste Station – Klinik Favoriten. Hier werden zwei Särge abgeliefert. Ein heller aus Holz mit Maserung und ein dunkler, schwerer, beide mit Polsterung und Decke. Die Särge bringen Thomas und seine Kollegen in die Klinik. Hinter ihnen schließt sich die milchige Automatikglastür. Nach einiger Zeit kommen sie mit zwei anderen Särgen raus. „Die haben wir gestern schon hergebracht“, sagt Christoph, während sie die Särge in den Van heben. Ganz vorsichtig – in ihnen liegen nun Verstorbene.
Die Abholungen in den Krankenhäusern laufen wie ein Zahnrad, die Handgriffe sind routiniert. Aber die Abholer der Bestattung Wien fahren nicht nur zu Kliniken. Sie besuchen auch Unfallstätten, Tatorte und Privathäuser. Sie kommen überall hin – denn gestorben wird überall.
SCHAUSPIELER
Bei Privathäusern müssen die Kollegen sehr achtsam sein: Jede Person reagiert anders auf den Tod eines Angehörigen: aufgewühlt, wütend, traurig, stellenweise dankbar – und dann wieder ganz praktisch, fast mechanisch im Organisationsmodus. Und an diese Gefühlswelt passen sich die Abholer an, klären mit ihnen die wichtigsten Dinge ab und tragen dann den Verstorbenen in einem Sarg die Stiegen hinunter. „Die Menschen sind zwar dankbar, wenn wir kommen und wir werden nicht negativ begrüßt, aber es schwingt immer ein Beigeschmack mit“, sagt Thomas.
„Uns will keiner gerne um sich haben, niemand denkt an uns, weil sich niemand mit uns beschäftigen will.“ Christoph macht den Kofferraum zu: „Aber ganz hart gesagt, wenn es uns nicht mehr gibt, dann bricht hier die Pest aus.“ Täglich fahren die Bestatter durch Wien und holen Verstorbene ab. Wenn die Angehörigen sich eine Aufbahrung bei der Beerdigung wünschen, dann kommen sie anschließend zu Rudolf Seidl. Er ist auch Abholer, aber nicht nur. Er arbeitet zudem noch in der Thanatopraxie.
DAS LETZTE BILD
Die Thanatopraxie sorgt dafür, dass die Verstorbenen konserviert und hygienisch aufbereitet werden. An diesem Tag hat Rudolf bereits eine Totenmaske gemacht und gerade bereitet er eine Person für die Beerdigung vor. „Es ist oft das letzte Bild, das die Menschen von ihren Angehörigen haben, das bleibt für immer. Und wenn wir das jetzt aber so hinbringen, dass deine Angehörigen so ausschauen, als wenn sie schlafen würden, kann man sich verabschieden und sie so in Erinnerung behalten.“
„Der Beruf des Bestatters – da wird viel darüber gemunkelt, was hinter verschlossenen Türen passiert.“ Wenn Rudolf in den Urlaub fährt, sagt er nicht, dass er Bestatter ist, sondern, dass er Taxifahrer ist. „Wenn ich sage, ich bin Bestatter, haben alle sofort eine Frage. Das brauche ich nicht. Ich will dann einfach meinen Urlaub genießen.“ Als selbstverständlich sieht Rudolf den Beruf nicht: „Wir sind so eine Randklasse – jeder braucht uns, wir sind aber nicht gerne gesehen.“ Weil wenn die Bestatter kommen, dann heißt es, dass etwas passiert ist. Deshalb sagen die Abholer der Bestattung Wien auch nie „Auf Wiedersehen“, sondern immer nur „Grüß Gott“.
Bestattung bedeutet für andere Menschen meist Ausnahmezustand. Für Thomas, Rudolf und Christoph ist es Alltag. Ein stiller Alltag, über den kaum jemand spricht – obwohl ohne ihn nichts mehr funktionieren würde.