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Selbstverständlich da

Ein Arbeitstag im Kindergarten Mattersburg zeigt, warum Elementarpädagogik unverzichtbare Daseinsvorsorge ist.

Nicht rennen Mädels, macht langsam“, ruft Doris Handler quer durch den Gruppenraum und hebt mahnend die Augenbrauen. Es ist kurz vor halb zehn und der Kindergartentag längst in vollem Gange. Bunte Puzzleteile werden auf einem niedrigen Tischchen hin- und hergeschoben, ein Bub turnt auf einem blauen Polster am Boden. In der Spielküche klirren kleine Kochtöpfe aneinander. Aus allen Richtungen hallen Kinderstimmen durch das helle Gebäude aus warmem Holz.
Doris Handler beugt sich zu einem Kind hinunter, beantwortet eine Frage, nickt einer Kollegin zu. Nebenbei beobachtet sie genau: Wer ist heute stiller als sonst? Wer braucht Unterstützung? Die Tür zu ihrem Büro steht eigentlich immer offen. Denn sie ist vieles gleichzeitig: Leiterin, Inklusionspädagogin, Organisatorin, Kollegin. „Ich habe 23 Stunden mit den Kindern pro Woche, neun Bürostunden und acht Stunden Vorbereitung.“ Ein Spagat, der den Beruf exemplarisch beschreibt.

ERSTE BILDUNGSEINRICHTUNG
Der Kindergarten ist hier wochentags von 7 bis 17 Uhr geöffnet. Für viele Eltern die Voraussetzung, überhaupt arbeiten zu können. Genau hier beginnt Daseinsvorsorge. „Wir sind die erste Bildungseinrichtung“, betont Doris. „Kinder lernen unglaublich viel, vor allem spielerisch.“ Gleichzeitig gehe es aber auch um Betreuung: „Früher waren Kinder mehr bei den Großeltern. Heute sind die selbst noch oft berufstätig oder gar nicht vor Ort. Das lässt sich privat nicht mehr abdecken.“
Zwischen 8.15 und 9.45 Uhr gehen die Kinder ans Frühstücksbuffet, danach geht es in den Morgenkreis, später in den Garten. Mittags wird in zwei Gruppen gegessen, am Nachmittag wird wieder gespielt, gebastelt, getröstet, gelacht. Doch die Anforderungen sind in den vergangenen Jahren gestiegen. „Es gibt deutlich mehr Kinder mit erhöhtem Förderbedarf“, sagt Doris. In der Kinderkrippe sind aktuell etwa 53 Prozent zweisprachig. „Diese Vielfalt bereichert uns ungemein, aber sie braucht gleichzeitig zusätzliche Ressourcen.“

IM MORGENKREIS
Auch organisatorisch wird es enger. „Als Ganzjahreskindergarten ist der Betrieb durchgehend aufrechtzuerhalten. Trotz Urlauben und Krankenständen“, sagt Doris. Dass es am Standort in Mattersburg dennoch möglich ist, den Pädagog:innen eine 4-Tage-Woche zu ermöglichen, liege am eingespielten Team. Jüngere und ältere Kolleginnen arbeiten Hand in Hand. „Der Austausch funktioniert gut“, sagt Doris. Doch der Druck sei immer etwas präsent.
Was sie sich wünscht, ist bundesländerübergreifend: „Bessere Rahmenbedingungen: kleinere Gruppen, mehr Personal, mehr Zeit für Leitungsaufgaben und mehr Springer:innen.“ Forderungen, die in der Praxis oft an finanziellen Grenzen scheitern. „Viele Gemeinden können sich Umbauten oder zusätzliche Gruppen schlicht nicht leisten.“ Doris weiß wovon sie spricht. Neben ihrer Tätigkeit im Kindergarten ist sie Landesfrauenvorsitzende der younion Burgenland und kennt die Sorgen vieler Nachbargemeinden.

WERTSCHÄTZUNG IST DA
Ein Kind zieht an Doris’ Ärmel. „Schau, ich hab das ganz allein gemacht!“ Es hält ihr ein buntes Bild entgegen, die Farbe ist noch leicht feucht. Doris geht in die Hocke, nimmt sich einen Moment und lobt die Kreativität. „Wir bekommen viel Wertschätzung“, sagt sie später. Vor allem von den Eltern. Egal ob beim Abholen ein kurzes „Danke“, ein längeres Gespräch an der Tür, manchmal auch ein ehrliches „Wir wissen gar nicht, wie wir das ohne euch schaffen würden“.
Gesellschaftlich wachse das Bewusstsein, dass diese Arbeit weit mehr ist als nur Betreuung. „Nur bei der Politik ist noch immer nicht ganz angekommen, wie systemrelevant wir sind“, sagt Doris.

MIT HERZ DABEI
Was sie trotzdem jeden Tag motiviert, ist sofort spürbar, wenn man ihr zuhört. „Diese echte Freude der Kinder ist etwas ganz Besonderes. Zu sehen, wie sie sich in so kurzer Zeit entwickeln, wie kleine Persönlichkeiten und soziale Kompetenzen entstehen.“ Das sei das Schönste an ihrem Beruf. „Man muss ihn aber wirklich gerne machen“, sagt sie direkt im Anschluss. „Ohne echte Leidenschaft hält man das nicht ein ganzes Arbeitsleben lang durch.“
Wie viel Herz bei Doris mitschwingt, zeigt sich auch am Ende eines Kindergartenjahres, wenn die Vorschulkinder feierlich entlassen werden. „Zu manchen Kindern hat man doch eine spezielle Beziehung aufgebaut. Sie gehen zu lassen macht einen einerseits stolz, aber natürlich auch ein bisserl traurig .“ 
Und selbst in Doris’ Freizeit ist sie nie ganz „außer Dienst“. „Im Badeurlaub zum Beispiel, da schaut ein Auge immer mit“, sagt sie und schmunzelt. „Ich liege auf der Luftmatratze und merke genau, wie viele Kinder rundherum im Wasser plantschen und ob eines vielleicht schon zu lange untergetaucht ist.“ Abschalten? Nur bedingt möglich.

SELBSTVERSTÄNDLICH DA
Am späten Nachmittag wird es ruhiger im Haus. Ein paar Kinder sitzen noch über ein Bilderbuch gebeugt, eines lehnt sich müde an eine  Pädagogin. Sie streicht ihm über den Rücken. Ganz selbstverständlich. Ein langer Tag voll kleiner Aufmerksamkeiten geht zu Ende. Ein Tag der funktioniert, weil immer jemand da ist.
Bundesweit sind Kindergärten wie dieser Standort im burgenländischen Mattersburg Räume des Lernens, der Entwicklung und der sozialen Sicherheit. Sie ermöglichen Eltern Erwerbsarbeit und Kindern Bildung von Anfang an. Kurz gesagt: Sie sind  ein Fundament der Daseinsvorsorge. Und damit dieses Fundament weiterhin stabil bleibt, braucht es endlich mehr politische Priorität.

„Die Beschäftigten arbeiten seit Jahren am Limit. Das Hinauszögern notwendiger Maßnahmen verdeutlicht die strukturellen Ungleichgewichte in dem stark weiblich geprägten Berufsfeld. Es braucht endlich Entlastung, verbindliche Standards und eine echte Aufwertung der Elementarbildung als wichtiger Bestandteil zentraler Gleichstellungspolitik. Wenn politisch Verantwortlichen die erste Bildungseinrichtung, deren Beschäftigte und die heranwachsenden Generationen unseres Landes wirklich etwas wert sind, müssen sie die Umsetzung unserer Forderungen zur Priorität machen – nicht irgendwann, sondern jetzt!“
Judith Hintermeier und Sabine Simar-Weissmann, Bundesfrauenreferentin und Geschäftsführende Bundesfrauenvorsitzende der younion.

Die Beschäftigten in der ersten Bildungseinrichtung leisten täglich einen unverzichtbaren Beitrag für Kinder, Familien und die Gesellschaft. Die Rahmenbedingungen hinken diesem Anspruch jedoch weiterhin hinterher. Der Wunsch nach österreichweiten Mindeststandards ist groß. Das bedeutet konkret kleinere Gruppen und einen verbesserten Fachkraft-Kind-Schlüssel, um qualitativ hochwertige Bildungsarbeit tatsächlich umsetzen zu können. Gleichzeitig braucht es bundesweit einheitliche Standards in der Elementarbildung, etwa bei verbindlichen Vor- und Nachbereitungszeiten, um Qualität sicherzustellen.

Zur langfristigen Absicherung der psychischen Gesundheit der Beschäftigten müssen Supervision und Einzelcoaching zudem fixer Bestandteil der Arbeit werden. Darüber hinaus ist die Entlastung der Leitungen durch administratives Personal ein wesentlicher Schritt, um pädagogische Führung wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Eine Maßnahme, die sehr schnell umgesetzt werden könnte.