Freie Bühne, unsichere Existenzen
Warum Kunst und Kultur zur Daseinsvorsorge gehören, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der Wiener TheaterArche.
Stille. Dann ein Satz, leise gesprochen. Das Licht kippt von kaltem Blau in grelles Weiß, dann wieder in warmes Rot. Die Schauspieler:innen treten aus dem Halbdunkel, kein Bühnenbild lenkt ab, nur Licht und Körper schaffen Bilder. In der TheaterArche entsteht ein Stück aus dem, was Menschen mitbringen: ihre Geschichten, ihre Sprachen, ihre Erfahrungen.
Unter der Leitung von Sängerin und Schauspielerin Manami Okazaki und Regisseur und Schauspieler Jakub Kavin ist hier in den vergangenen Jahren ein Raum entstanden, in dem Kunst nicht als etwas Abstraktes verstanden wird, sondern als gesellschaftliche Notwendigkeit. Ein Raum für Gegenwartsfragen, für Zukunftsentwürfe und für das, was eine Gesellschaft zusammenhält.
RAUM FÜR DIE VIELEN
Für Jakub ist das klar systemrelevant: „Zum einen für die Künstler:innen. Wir bieten schlicht einen Raum, in dem sie arbeiten können. Und zum anderen für das Publikum: Menschen bekommen einen Ort, an dem sie Kunst erleben dürfen.“ Dabei geht es nicht nur um klassische Inszenierungen. Die Spielstätte ist Plattform für Community-Theatergruppen, freie Kollektive oder Nachwuchskünstler:innen. Unterschiedliche Sprachen und Lebensrealitäten treffen hier aufeinander. „Dadurch bekommen wir ein sehr vielfältiges Publikum ins Haus“, sagt Jakub. Manchmal sind die Zuschauenden besonders jung, etwa wenn Schüler:innen im Saal sitzen. Mit einem musisch-kreativen Zweig einer Wiener Schule arbeitet das Theater regelmäßig zusammen.
PERSÖNLICHE GESCHICHTEN
Dass persönliche Erfahrungen in die künstlerische Arbeit einfließen, ist in der TheaterArche ausdrücklich erwünscht: „Künstler:innen kommen zusammen, forschen zu einem Thema und daraus entwickelt sich eine Produktion“, beschreibt Jakub die Arbeitsweise. Wie etwa Manamis Idee zur Umsetzung von „Die Rache der Fledermaus“. „Ich bin in Japan geboren und habe immer davon geträumt, die Operette einmal in Wien aufzuführen“, erzählt sie. „Voriges Jahr während des Strauß-Jubiläums dachte ich mir: jetzt oder nie.“
Ein anderes Beispiel ist die Produktion von „Der Mann ohne Eigenschaften“, an der mehr als 20 Künstler:innen auf und hinter der Bühne beteiligt waren. Die Einnahmen der 17 Vorstellungen wurden gemeinsam aufgeteilt. Was nach Solidarität und künstlerischer Freiheit klingt, zeigt gleichzeitig eine Schieflage, die viele Kulturschaffende nur zu gut kennen: Arbeitsbedingungen, die auf Leidenschaft – und oft auf Selbstausbeutung – bauen.
BIS ZUR SELBSTAUSBEUTUNG
Das beginnt schon lange bevor ein Stück auf der Bühne steht. Jakub begegnet dem Problem auch bei seiner Arbeit in der Paritätischen Prüfungskommission für Schauspielnachwuchs, die bei der younion angesiedelt ist. Zweimal jährlich finden Prüfungen für angehende Bühnenkünstler:innen statt. „Man sieht dort jedes Jahr, wie viele junge Menschen unbedingt auf die Bühne wollen“, sagt der Schauspieler. Aber der „Markt“ könne diese Menge gar nicht aufnehmen.
Laut Manami „ist die größte Herausforderung nach wie vor die Unsicherheit.“ Wenn ein Projekt endet, endet auch die Anstellung. „Gleichzeitig müssen wir lange im Voraus planen. Aber viele Schauspieler:innen können ihre Zeit nicht zum Proben blockieren, weil sie parallel dazu andere Jobs haben.“
Was folgt ist ein struktureller Zwang: Diejenigen, die es nicht in feste Engagements schaffen, schaffen sich ihre Arbeit selbst. „Und akzeptieren auch mal schlecht oder gar nicht bezahlte Projekte", sagt Manami, die selbst seit knapp 20 Jahren auf internationalen Bühnen steht. Dieser Wunsch nach Bühnenpraxis werde schnell zum Einfallstor für Ausbeutung. „Hier muss sich strukturell etwas verändern.“
KULTUR IST DASEINSVORSORGE
„In Frankreich gibt es zum Beispiel das System der Intermittence, ein eigenes Absicherungsmodell für Kulturschaffende“, erklärt Jakub. Dabei werden auch Zeiten ohne Engagement als Teil der künstlerischen Arbeit anerkannt. So können Schauspieler:innen trotz Unterbrechungen ihren Lebensunterhalt sichern. „Aber so lange das System in Österreich so bleibt wie jetzt, müssen wir weiter versuchen, innerhalb dieser Strukturen möglichst gute Arbeitsbedingungen zu schaffen.“ Das gilt auch in der TheaterArche. Denn die Spielstätte ist mehr als nur ein Ort für Aufführungen. Oder, wie Jakub es formuliert: „Sie ist ein Treffpunkt, um gemeinsam über unsere Gesellschaft nachzudenken. All das ist Daseinsvorsorge.“
Und genau deshalb darf dieser Raum nicht weggespart werden. Kunst existiert nicht trotz schwieriger Bedingungen, sondern oft nur, weil Menschen bereit sind, diese Bedingungen zu tragen. Kultur darf nicht vom Idealismus Einzelner abhängen. Sie braucht verlässliche Finanzierung, faire Arbeitsbedingungen und starke Interessenvertretungen. Denn ohne Orte wie die TheaterArche wird es still auf den Bühnen – 38 und in der öffentlichen Debatte.