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Das Leben beginnt

Mit strahlendem Lächeln beugt sich Claudia über ein Neugeborenes. Sie ist Hebamme in Wien – und damit auch ein Teil der Daseinsvorsorge.

Es ist ein milder Frühlingsabend, als wir bei der Klinik Donaustadt ankommen. In der Raucherecke stehen Patient:innen im Bademantel, ein paar gehen mit Angehörigen spazieren, bis die Besuchszeit vorbei ist. Aber uns führt der Weg vorbei an den Patient:innen in den 2. Stock – zu dem Schild auf dem Kreißsaal steht.
Claudia Weisser arbeitet auf der Geburtshilfestation. Sie begrüßt uns mit einem Lächeln. Um 19 Uhr war Schichtübergabe. „Grad ist es noch sehr ruhig auf der Station – vor einer Stunde ist ein Baby auf die Welt gekommen. Um Kind und Mama müssen wir uns später noch kümmern.“ Aber erstmal geht es ins Stationszimmer. Vorbei an rot gestrichenen Wänden und gelben Türrahmen.

SCHON IMMER TRAUMBERUF
„Ich bin seit 2024 als Hebamme beim WIGEV angestellt. Ich wusste schon mit 10 Jahren, dass ich diesen Beruf machen will, aber das hat dann etwas gedauert, bis ich einen Studienplatz bekommen habe.“ Claudia schenkt uns ein Glas Wasser ein und setzt sich dann zu uns dazu. Wie sieht denn so ein typischer Arbeitsalltag aus? „Das ist ganz schwierig – sowas wie einen typischen Arbeitsalltag gibt es hier gar nicht. Wir wissen ja nie, wann eine Geburt losgeht und wie diese verlaufen wird. Wir sind 24 Stunden für die Gebärenden da. Wir betreuen sie von der Schwangerschaft, hin zur Latenzphase, Eröffnungsphase, Pressphase, Nachgeburtsphase. Auch Risikoschwangerschaften und Notfälle betreuen wir.“
Während Claudia erzählt, klingelt die Stationsglocke. „Hallo, ich bin der Vater des Neugeborenen“, ertönt  eine aufgekratzte Stimme. Claudia lächelt und schaut auf ihre Uhr. Es ist Zeit für die Frau, die gerade ein Kind geboren hat, zu duschen.

EIN NEST FÜR HONEY
Der Vater, der eben geklingelt hat, sitzt schon im Zimmer. Claudia lächelt ihm zu und geht zum Bett. Darin liegt eine Wöchnerin, in ihrem Arm ihr Baby. Klitzeklein – nicht mal zwei Stunden alt. Claudia beugt sich über die Frau, redet leise mit ihr und schaut das Baby an. „Wir bringen das Baby mit dem Papa jetzt zu meinen Kolleg:innen, damit sie das Kind einmal untersuchen und anziehen, und ich begleite dich zur Dusche.“ Auf dem Gang bereitet sie dann ein Bettchen vor und rollt mit einem Handtuch eine Unterlage: „Ich baue ein Nestchen für das Kind, damit es sich geborgen fühlt.“ Und dann legt sie behutsam die kleine Honey in das Nest. Als sie das Bett in das Stationszimmer rollt, lächeln ihre Kolleg:innen: „Oh ein Baby!“ Nach all den Jahren, den unzähligen Geburten und den Hunderten Babys ist so ein kleines neues Leben immer noch etwas Aufregendes. Claudia macht Fotos für die Eltern und checkt ein paar Werte, während der Papa draußen wartet. Dann übergibt sie das Babybettchen an ihre Kolleg:innen.
Mit der frischgebackenen Mutter geht sie in ein anderes Zimmer: „Wenn die Frauen möchten, dann können sie sich nach der Geburt frisch machen und duschen. Ich lasse ihnen dabei ihre Privatsphäre, aber ich stehe immer draußen, falls sie meine Hilfe brauchen.“ Sie schaut die Frau an: „Falls Ihnen schwindlig wird, dann setzen Sie sich bitte sofort hin. Nicht aushalten und schauen ob es weggeht. Sondern bitte sofort hinsetzen.“ Die Frau nickt und geht auf vorsichtigen Beinen in die Dusche.
Während wir draußen auf Claudia und die Frau warten, geht ein anderes Pärchen an uns vorbei. Der Mann hält ihre Hand, die Frau ihren kugelrunden Bauch. Kurze Pause – tiefe Atemzüge – und zurück geht es in den Kreißsaal. Und als die eine Frau aus der Dusche kommt, hören wir aus dem Kreißsaal plötzlich ein Baby schreien.
Wie viele Kinder durchschnittlich pro Schicht kommen, ist schwer zu sagen. „Es gab vor kurzem einen Tag, da hatten wir innerhalb von 24 Stunden 15 Geburten, aber das war schon die Ausnahme“, Claudia lacht. Aber Claudia betreut nicht nur bei der Geburt. 

VON ANFANG AN DA
Laut Gesetz in Österreich, muss zur Geburt eine Hebamme beigezogen werden. Und das ist auch wichtig. „Wenn es keine Hebammen mehr geben würde, dann hätten Frauen weniger Unterstützung bei der Geburt. Und womöglich würde auch die Kaiserschnittrate steigen.“ Hebammen sind da – sie begleiten, beraten, unterstützen, verabreichen Medikamente, assistieren, halten Händchen, überwachen die Vitalparameter der Gebärenden und des Ungeborenen und erkennen medizinische Notfälle. Die Familien werden individuell betreut, sowohl auf emotionaler Ebene als auch in diversen medizinischen und geburtshilflichen Belangen. „Jede Frau braucht etwas anderes bei der Geburt. Und darauf achten meine Kolleg:innen und ich.”
„Wir Hebammen sind oft die ersten Personen, die ein Neugeborenes berühren.“ Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass ein Großteil der Personen, die diesen Text lesen, bereits einmal in ihrem Leben Kontakt zu einer Hebamme hatten. Auch wenn wir uns nicht daran erinnern.