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Damit das Wasser abrinnt

Die Kanalarbeiter Florian Kunes und Martin Pichler sorgen dafür, dass Wiens Abwasser ganz selbstverständlich die Stadt verlässt.

Trübes Wasser rauscht wadentief vorbei. Klopapierfetzen treiben darin, dazwischen Hygieneartikel und ein Mix aus Küchenabfällen. Eine leuchtende Orangenschale tanzt kurz im Lichtkegel, bevor sie weitergespült wird. Irgendetwas Glitschiges streift meinen Stiefel. Ich schaue besser nicht zu genau hin.
„Krank ist man nur in den ersten zwei Wochen“, ruft Patrick Milabersky lachend herüber. „Dann nie wieder.“ Er winkt aus einem sogenannten „1er-Profil“-Kanal, so niedrig, dass man sich oft nur in der Hocke bewegen kann. In der Hand hält er sein Werkzeug, den „Schimmel“ - ein Schiebegerät aus Holz, mit dem er Ablagerungen und Fäkalien von sich wegdrückt. „Die Maschinen übernehmen viel“, sagt sein Kollege Florian. „Aber manches geht eben nur händisch.“

WAS IM KANAL LANDET
Seit über 100 Jahren ist die Kanalräumung in Wien ein städtischer Betrieb. Was hier passiert, ist Teil eines Systems von gewaltigen Ausmaßen. Würde man alle Rohre aneinanderreihen, ergebe das eine Strecke von Wien bis Paris und wieder zurück. „Wir bauen und betreiben das gesamte Wiener Kanalnetz, an das mehr als 99 Prozent der Haushalte angeschlossen sind“, sagt Florian. Ein absoluter Spitzenwert in Europa.
450 Menschen arbeiten bei Wien Kanal, rund 230 davon steigen täglich hinunter in den Untergrund. Und zu tun gibt es genug. Knapp 15 Tonnen Material holen die Teams täglich an die Oberfläche. Der Inhalt zeigt schonungslos, was oben unbedacht heruntergespült wird: Windeln, Plastiksackerl, Zigarettenstummel, Strumpfhosen, Katzenstreu, ab und zu landen auch Wertgegenstände hier unten.

STARKREGEN ALS STRESSTEST
„Leider wissen noch immer nicht alle, dass die Toilette kein Mistkübel ist“, sagt Florian kopfschüttelnd. Besonders problematisch: Farbe, Öl, Benzin und Fett. Stoffe, die eigentlich über den Problemstoffsammeldienst entsorgt werden sollten. Angespannt wird es bei Starkregen. Wenn die Speicherkapazitäten mit über 500 Millionen Liter erschöpft sind, bleibt nur eine Option: Abwasser wird in Flüsse und umliegende Gewässer abgeleitet. 

ALARMSTUFE GAS
Zurück am heutigen Einsatzort im 20.Wiener Gemeindebezirk. Der Einstiegsschacht unter der Wexstraße wirkt unscheinbar, ein Kanaldeckel wie viele andere. An einem Seil gesichert kraxle ich fünf Meter tief ins Ungewisse. In der Dunkelheit beginnt eine andere Welt. Das Gangsystem ist nur 1,80 Meter hoch und eine Armlänge breit. Ob Tag oder Nacht, Winter oder Sommer, merkt man hier kaum. Der Geruch der bräunlichen Suppe hängt immer in der Luft. „Ratten und Mäuse sagen uns manchmal Hallo“, scherzt Martin. Er ist seit mehreren Jahren dabei.
Bevor es hinuntergeht beginnt jeder Dienst mit strengen Hygienevorschriften. Am Standort heißt es auch für mich raus aus der Privatkleidung, rein in eine hellgraue Latzhose. Darüber: Arbeitsjacke, wasserdichte Gummistiefel bis zur Hüfte, Arbeitshandschuhe. Dann werden die notwendigen Geräte ausgefasst: Helm, Stirnlampe, am Gürtel ein Gasmessgerät. Schlägt es Alarm, heißt es sofort raus aus dem Schacht. „Die größte Gefahr da unten ist nicht das, was im Wasser schwimmt, sondern die unsichtbaren Gase“, erklärt Gerd. „Sicherheit hat oberste Priorität.“

NIE OHNE MEIN TEAM
Das wird auch im Team gelebt: „Wir müssen uns aufeinander verlassen können“, sind sich die Arbeiter einig. „Teamspüler“ steht auf den Shirts der Kollegen, die oben die Straße absichern, während Martin und Florian unten Schotter und Mist in Eimer schupfen. Trotz der körperlichen Arbeit rennt der Schmäh bei den beiden.
Ihr Chef Gerhard Tober bestätigt das. Seit knapp 35 Jahren arbeitet er bei Wien Kanal. „Unglücklich war ich keinen einzigen Tag hier“, sagt er. Sein Fazit kurz vor der Pension: „Sicher, es ist schwere Arbeit, aber immer spannend und abwechslungsreich.“ Und dann fügt er einen Satz hinzu, der hängen bleibt: „Man braucht die Einstellung: Einer muss es halt machen.“

WIEN IST VORZEIGESTADT
„Was würde passieren, wenn ihr heute nicht im Einsatz wärt?“, frage ich die Kanalarbeiter in einer kurzen Pause auf der sonnigen Wexstraße. „Einen Tag würde man gar nichts merken“, sagt Florian. „Vielleicht sogar eine Woche nicht.“ Während andernorts riesige Fettberge ganze Kanalsysteme lahmlegen, arbeitet man in Wien präventiv. Die Stadt gilt international als Vorzeigemodell, Delegationen aus aller Welt kommen, um sich das System anzusehen. „Ich würde mir wünschen, dass auch die Wiener:innen stärker wahrnehmen, was wir leisten“, sagt Martin.
Der Job verlangt viel: körperliche Fitness, technisches Können und die Bereitschaft, dorthin zu greifen, womit andere nichts zu tun haben wollen. Wer sich bewirbt, muss Leistungstests bestehen. Wer geeignet ist, darf einen „Schnuppertag“ machen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Arbeiter, die dann noch überzeugt sind, bleiben meist bis zur Pension. Mittlerweile gilt der Beruf als Schwerarbeit. Dafür hat die Gewerkschaft lange gekämpft.

KEINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT
Denn was in Wohnungen, Restaurants oder Büros mit einem Knopfdruck verschwindet, landet am Ende in den Händen echter Menschen. Die Kanalarbeiter halten Keller trocken, verhindern Überflutungen und sichern damit den Alltag einer ganzen Millionenstadt. Sie arbeiten täglich unter unseren Füßen, damit oben alles sauber (ab)läuft. Unsichtbar ist diese Leistung nur auf den ersten Blick. Selbstverständlich ist sie bis heute nicht.