Was ist eigentlich Nacht?
Michael Feuchtinger ist der Leiter des Planetariums Wien. Im Interview erklärt er, dass Nacht viel mehr ist als nur Dunkelheit.
younited: Was ist „Nacht“ überhaupt?
Feuchtinger: Nacht ist einfach fehlendes Sonnenlicht. Die Erde leuchtet nicht von selbst, sondern wird von der Sonne angestrahlt. Und weil sich unsere Erde um die eigene Achse dreht und das im 24-Stunden-Takt ist immer eine Hälfte beleuchtet und die andere Hälfte nicht. Auf der hellen Seite ist Tag, auf der dunklen Nacht.
younited: Ab wann ist denn Nacht?
Feuchtinger: Die Nacht beginnt nicht sofort mit dem Sonnenuntergang. Zunächst folgt die Dämmerung, die in drei Phasen unterteilt wird: Bürgerliche Dämmerung – kurz nach Sonnenuntergang ist es noch hell genug, um draußen ohne künstliches Licht zu sehen. Nautische Dämmerung – der Himmel wird dunkler, Sterne werden sichtbar, während der Horizont noch erkennbar bleibt. Früher nutzten Seefahrer diese Phase, um mithilfe von Sternen den Winkel zum Horizont zu messen. Astronomische Dämmerung – die Sonne steht so tief unter dem Horizont, dass kein Licht mehr gestreut wird. Erst ab diesem Zeitpunkt spricht man von wirklicher Nacht.
younited: Was macht die Nacht aus Sicht der Astronomie so besonders?
Feuchtinger: Das Besondere an der Nacht hängt mit der Erdatmosphäre zusammen. In ihr wird das Sonnenlicht gestreut. Sobald die Sonne scheint und bei uns Tag ist, überstrahlt dieses gestreute Licht die Sterne – wir können sie am Tag daher nicht sehen. Der Mond hat keine Atmosphäre, hier ist es anders: Dort könnte man sogar am Tag Sterne beobachten. Auf der Erde ist das jedoch nicht möglich. Deshalb ist die Nacht für die Astronomie so wichtig – nur dann lassen sich Sterne und andere Himmelsobjekte wirklich beobachten.
younited: Hat sich unser Blick auf die Nacht im Laufe der Zeit verändert?
Feuchtinger: Unser Verständnis des Universums ändert sich ständig: Wir haben mal gedacht, die Erde steht im Zentrum des Planetensystems – nicht die Sonne. Früher konnten Himmelsereignisse wie Sonnenfinsternisse Angst oder Aberglaube auslösen, heute wissen wir genau, was passiert. Je mehr wir über das Universum lernen, desto differenzierter und rationaler wird unsere Wahrnehmung des Nachthimmels.
younited: Was erfahren Besucher:innen über die Nacht?
Feuchtinger: Wenn im Planetarium zum ersten Mal der Sternenhimmel sichtbar wird, geht oft ein hörbares Raunen durch die Menge. Viele Menschen, vor allem jene ohne engen Bezug zur Natur, kennen den Sternenhimmel in dieser Form schlicht nicht mehr. Viele Besucher:innen sind ehrlich verblüfft, wie unser Sternenhimmel eigentlich aussieht, weil sie ihn im Alltag nie so wahrnehmen können.
younited: Warum übt die Nacht eine so große Faszination auf uns aus?
Feuchtinger: Der Mensch ist stark visuell geprägt – Sehen ist unser dominanter Sinn. Mit dem Einbruch der Nacht wird dieser Sinn plötzlich eingeschränkt, weil das Licht fehlt. Das verändert unsere Wahrnehmung grundlegend. Heute erleben wir das anders als unsere Vorfahren. In der Steinzeit gab es nachts kaum künstliches Licht, und Menschen waren vollständig auf ihre Sinne angewiesen. Die Dunkelheit bedeutete damals nicht Rückzug, sondern eine existenzielle Veränderung der Wahrnehmung – und genau darin liegt vermutlich bis heute ihre Faszination.
younited: Gibt es etwas über die Nacht, das wir oft vergessen?
Feuchtinger: Unsere Beziehung zur Nacht verändert sich im Laufe des Lebens: Als Kinder fürchten wir die Dunkelheit, als Jugendliche sehnen wir sie herbei, um endlich fortzugehen. Im Erwachsenenalter dagegen schätzen wir die Nacht zunehmend für ihre Ruhe und das Innehalten. Die Nacht ist also viel mehr als nur Dunkelheit: Sie prägt unseren Alltag, unsere Wahrnehmung und sogar unser Verhältnis zur Welt – von der kindlichen Angst bis zur erwachsenen Wertschätzung für Stille. Sie erinnert uns daran, dass der Wechsel von Licht und Dunkelheit ein fester Bestandteil unseres Lebens ist – biologisch, kulturell und emotional.
Das Planetarium gehört zu den Wiener Volkshochschulen. Es vermittelt Wissen über das Universum, Astronomie und Physik in selbst produzierten, live moderierten Shows. Darüber hinaus bietet es ein vielfältiges Programm mit Konzerten, Yoga und Angeboten für Kinder. Mehr Informationen: www.vhs.at/de/e/planetarium