Unverzichtbar, aber unterbewertet
Ohne Daseinsvorsorge steht vieles still und doch wird diese Arbeit systematisch unterbezahlt. In ihrem neuen Buch „Funkenschwestern“ zeigt Barbara Blaha, warum das kein Zufall ist, sondern Teil eines Systems, das Feminismus zur ökonomischen Frage macht.
younited: Warum sind Jobs in der Daseinsvorsorge schlechter bezahlt und weniger wertgeschätzt, obwohl wir sie dringend brauchen?
Barbara Blaha: Weil sie historisch als „natürliche“ Frauenarbeit gelten. Pflege, Betreuung, Bildung wurden lange als Verlängerung unbezahlter Hausarbeit gesehen, nicht als Teil der produktiven Wertschöpfung. Märkte und Lohnsysteme haben das verinnerlicht: Was Frauen machen, gilt als Berufung, nicht als Qualifikation. Dazu kommt politische Bequemlichkeit: Sparen im Sozialstaat trifft Berufe ohne starke Lobby zuerst. Das Ergebnis ist dann systematische Unterbewertung trotz gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit.
younited: Warum halten sich diese Ungleichheiten so hartnäckig?
Blaha: Führung ist noch immer auf das Ideal des jederzeit verfügbaren Arbeitnehmers zugeschnitten, und der hat traditionell jemanden zu Hause, der ihm den Rücken freihält. Gleichzeitig bleibt unbezahlte Care-Arbeit überwiegend an Frauen hängen. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein Zusammenspiel aus Rollenbildern, fehlender Infrastruktur, etwa bei Kinderbetreuung oder Pflege. Dazu kommt, dass wir alle von Kind an lernen, dass es die Männer sind, die sagen, wo es langgeht. Führt eine Frau, fühlt sich das erst mal falsch an, weil es unserer eingelernten unbewussten Rollenerwartung grundsätzlich widerspricht.
younited: Wie erklären Sie, warum Ökonomie und Feminismus zusammengehören?
Blaha: Wer arbeitet wie viel, wer bekommt wie viel bezahlt, wessen Arbeit zählt, das alles sind ökonomische Fragen. Persönliche Geschichten machen sichtbar, was Statistiken erklären: Ungleichheit ist kein Zufall, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. Wenn man das einmal verstanden hat, lässt sich Wirtschaft nicht mehr „neutral“ denken.
younited: Was müsste politisch und gewerkschaftlich passieren, damit wir eine feministischere Gesellschaft werden?
Blaha: Politisch: massive Investitionen in Daseinsvorsorge, verbindliche Lohntransparenz, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und ein Steuersystem, das Care-Arbeit nicht bestraft. Gewerkschaftlich: stärkere Organisierung in weiblich dominierten Branchen, harte Kollektivvertragskämpfe und Schluss mit dem Mythos, dass „kein Geld da“ sei. Geld ist da, es ist nur falsch verteilt.
younited: Viele spüren Ungerechtigkeit, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Wie kommt man am besten ins Tun, nachdem man „Funkenschwestern“ zugeklappt hat?
Blaha: Nicht perfekt, sondern konkret anfangen. Im Betrieb nachfragen, wie Löhne zustande kommen. Einer Gewerkschaft beitreten oder einen Betriebsrat gründen. Politische Forderungen unterstützen, nicht nur teilen. Und im eigenen Umfeld Widerspruch leisten, wenn Ungleichheit als normal verkauft wird. Veränderung beginnt selten mit einem großen Plan, sondern meistens mit einem unbequemen Gespräch.
Barbara Blaha bringt Feminismus, progressive Wirtschaftspolitik und soziale Gerechtigkeit auf die Bühnen des Landes. Aufgewachsen als zweites von sieben Kindern in Wien Simmering, wird sie früh politisiert. Sie war Vorsitzende der Österreichischen Hochschüler:innenschaft, gründete 2008 einen wissenschaftlichen Kongress und 2019 den Think Tank „Momentum Institut“ und das dazugehörige „Moment Magazin“.