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Nachtschicht für sichere Schienen

Was passiert zwischen letzter und erster U-Bahn? Eine Nacht mit dem Gleisbau-Team der Wiener Linien.

Es ist 23.45 Uhr und das Neonlicht in der Dienststelle Wien Spittelau flackert. Ich muss ein Gähnen unterdrücken. Um diese Uhrzeit gehe ich eigentlich schlafen. Heute bleibt keine Zeit müde zu sein. Am Gang werden Werkzeuglisten durchgegangen, Kolleg:innen besprechen sich in ihren Einsatzteams. Ich bekomme eine gelbe Warnweste in die Hand gedrückt. Gleich geht es los. Hinaus in die Kälte, ins Gleisbett einer Wiener U-BahnLinie. Ich darf beim nächtlichen Gleistausch dabei sein.

„Wir arbeiten heute mit 15-MeterSchienen“, erklärt mir Vahdet Günes, Fachbereichsleiter im Gleisbau für die Strecke Nord. Er ist seit 2010 bei den Wiener Linien und hat sich vom Arbeiter bis zum Leiter hochgearbeitet. Dazwischen liegen Stationen im Ausland und Studium. Seit Jänner 2025 leitet er die Strecke Nord.

Warten auf die letzte Bahn

Kurz nach 0 Uhr geht es mit dem Einsatzfahrzeug Richtung Baustelle. Wir dürfen die Fahrspuren der Wiener Linien nutzen und müssen nicht im normalen Verkehr mitschwimmen. Angekommen in der Remise heißt es erst einmal warten. Die letzte U-Bahn fährt noch. Erst wenn der Betrieb eingestellt und der Starkstrom abgedreht ist, dürfen wir ins Gleisbett. Zeit für ein paar Fragen an das Team. Leonie und Nadine, beide 19, sind heute die einzigen Frauen hier und frisch ausgelernt.

„Wir wollten was Technisches machen“, erzählen sie. Ihre Eltern hätten sie darin unterstützt. Mit dem Nachtdienst kämen sie gut zurecht, Schlafrhythmus sei Gewohnheitssache. „Ein Energy-Drink hilft aber manchmal“, lacht Leonie. Wie fühlt 8 Im Gleisbett: Zum Lockern der Stellschrauben braucht es ein eingespieltes Miteinander.  man sich nachts in einer, noch immer, männerdominierten Branche, will ich wissen? „Wir werden komplett ernst genommen“, sagt Leonie bestimmt. Nadine grinst: „Eher sind wir es, die die anderen Kollegen mal auf den Arm nehmen.“

Flotter Schienentausch

Um 1 Uhr ist es dann so weit: Die letzte Bahn ist durch. Jetzt heißt es Tempo. Bei zwei Grad und Nieselregen stapfen wir über den dunklen Gleiskörper. Die Schweißer – eine Fremdfirma – gehen voran, Funken sprühen durch die Nachtluft. Dahinter lockert eine Maschine die Befestigungsschrauben, zwei Kolleg:innen legen sie per Hand beiseite. Jeder Handgriff sitzt.

Ein Bagger mit Scheinwerfern schwenkt heran, hebt die schweren Schienen aus dem Gleisbett und setzt neue ein. „Besonders in Bögen werFotos: Mila Ederden Schienen schneller abgefahren“, erklärt Fachbereichsleiter Günes. Im geraden Bereich hält eine Schiene rund 20 Jahre. Im Hintergrund summen Aggregate, der Geruch von Metall und Öl hängt in der Luft. Man sieht jeden Atemzug.

Präzisionsarbeit unter Zeitdruck

Insgesamt rund 58 Mitarbeitende gehören auf der Strecke Nord zum Gleisbau. Heute im Einsatz: elf Personen beim Schienentausch, fünf bei der Zufuhr. Sie sind ein eingespieltes Team im Gleisbett.

Der Nachtdienst dauert bis sechs Uhr früh. Verzögerungen kommen beim Schienentausch selten vor, erklärt mir der Fachbereichsleiter. Schwieriger seien Stemmarbeiten im laufenden Straßenbahnbetrieb untertags. „Alle paar Minuten müssen wir die Arbeiten wegen einfahrenden Zügen unterbrechen, das ist echt heraus- fordernd.“ 

Dazu kommen Anwohner:innen, die sich über Lärm beschweren. „Einmal ist eine Flasche aus einem Fenster auf uns geflogen“, erinnert sich Günes. Auch wenn das nur Ausnahmen sind, wünscht er sich mehr Rücksicht.

Seit 2024 verstärken die Wiener Linien die Grätzlarbeit bei Modernisierungs-Baustellen. Anrainer:innen werden von Grätzlbetreuer:innen über Projekte informiert. Das soll mehr Bewusstsein fördern.

Solches wünscht sich auch Günes, denn: „Wir haben eine der besten Straßenbahnen und U-Bahnen europaweit.“ Die Begeisterung für seinen Job merkt man ihm sofort an. Selbst im Urlaub wandert sein Blick automatisch auf den Untergrund: „Ich schau' mir an, welche Schienen dort verlegt sind.“ Eine Berufskrankheit, sagt er lachend.

Ein eingespieltes Team

Es ist kurz nach zwei Uhr, als ich mich verabschiede. Hinter mir arbeitet das Team hochkonzentriert weiter. Gelbe Warnwesten, Helme und Stirnlampen wabern im Regenlicht, Funken f liegen, der Bagger bewegt sich präzise im Millimeterbereich. Nach dieser Nacht ist eines klar: Gleistausch ist schwere körperliche Arbeit – bei Kälte, Nässe, Lärm und unter Zeitdruck. Und all das passiert während wir schlafen, und damit wir am nächsten Morgen wieder leise, sicher und pünktlich unterwegs sein können.