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Nachts in der Klinik

Berit hat Dienst in der Klinik Ottakring in Wien. Eine Nacht an ihrer Seite.

19 Uhr, Klinik Ottakring. Dick eingepackt, die Taschen umgehängt, verlässt das Klinikpersonal das Gelände. Berit Stenvert kommt ihren Kolleg:innen entgegen.

„Schönen Abend“, wünschen sie einander – auch wenn sie damit etwas Unterschiedliches meinen. Berit wünscht sich ebenfalls einen schönen Abend, vor allem aber einen ruhigen. Sie hat Nachtschicht in der Neurologie. Seit acht Jahren arbeitet sie in der Pflege, seit acht Jahren auch nachts.

Es Piepst
Von 19 bis 19.30 Uhr findet die Dienstübergabe auf der Station statt. Berit und ihre Kollegin Yvonne Oehler betreuen in dieser Nacht 25 Patient:innen. Jede:r einzelne Patient:in wird genau besprochen: Wie war der Tag, gab es Besonderheiten oder Komplikationen, wer bekommt welche Medikamente und was passiert am nächsten Tag.

Während der Dienstübergabe piepst der Monitor im Personalzimmer fünfmal. Das sind die Patient:innen, die den Rufknopf drücken. Ein Kollege der Tagschicht geht nachschauen. „Die Hälfte von den Rufen sind dringend – zum Beispiel, wenn eine Person Hilfe braucht, um auf die Toilette zu gehen. Andere wirken eher wie der Druck auf einen Serviceknopf: ein Glas Wasser oder eine Nachfrage zu den Medikamenten.“ Der Piepser wird in dieser Nacht noch häufig gehen. 

Innige Nacht
Nach der Dienstübergabe geht es zu den Patent:innen, bei Zimmer 1 geht es los. Mit einem Lächeln geht Berit ins Zimmer: „Guten Abend.“ Sie bereiten Medikamente vor, positionieren Patient:innen neu, die sich nicht selbst bewegen können, richten Kissen und machen sie bettfertig für die Nacht. „Nachts entsteht eine besondere Nähe“, sagt Berit. „Viel mehr als untertags.“ Es ist ruhig auf der Station, weniger Stimmen, weniger Hektik als untertags. Zimmer für Zimmer arbeiten sie sich vor. Bei Zimmer 4 werden Berit und Yvonne plötzlich stutzig und schauen nochmal in dem Übergabeprotokoll nach – aufgrund der Blutwerte muss ein Medikament erhöht werden. Während Yvonne die Papiere dazu ausfüllt, geht Berit los und holt das Medikament.

In Zimmer 7 liegen drei Patienten. Herr M. ist einer von ihnen. Seit sechs Monaten ist er schon in der Klinik, seit ein paar Wochen in der Neurologie. Berit kennt ihn schon gut, sie plaudern und witzeln und wie selbstverständlich deckt sie ihm vor dem Verlassen des Zimmers noch seine Füße ab, denn so hat es Herr M. beim Einschlafen am liebsten. „Nach einiger Zeit weiß ich einfach, was den Patient:innen wichtig ist“, sagt Berit. Herr M. nickt. „Gute Nacht“, Berit lehnt beim Rausgehen die Tür an. 

Immer hellhörig
Wenn alle Patient:innen versorgt sind, wird es ruhig auf der Station. Meistens. Doch diese Ruhe ist angespannt. Nachtdienst bedeutet Verantwortung. „Ich bin die ganze Nacht sehr hellhörig“, sagt Berit. „Damit ich sofort mitbekomme, wenn jemand aus dem Bett fällt oder einen Anfall hat."

Alle zwei Stunden schaut sie in den Zimmern nach dem Rechten und positioniert die Insulin-Patient:innen um. Ganz vorsichtig öffnet sie die Türen und leuchtet mit einer Taschenlampe in die dunklen Zimmer. Ist alles in Ordnung? „Es ist schön, wenn wenig los ist“, sagt sie. „Aber dieses Nichtwissen, wenn man in ein dunkles Zimmer geht – das hat auch nach all den Jahren noch einen Beigeschmack.“

Tratschen hält munter

Mindestens viermal im Monat hat Berit Nachtschicht. Untertags legt sie sich ab 14.00 Uhr hin, schläft bis 17.00 Uhr und auch nach dem Nachtdienst schläft sie eine Runde: „Ich habe keine Kinder, ich kann das machen, andere können das nicht.“

Während der Schicht selbst hat sie viele Tricks, um wachzubleiben. Am besten sind tolle Kolleg:innen: „Wenn da viel getratscht wird, hilft das sehr.“ Aber sie hat auch immer ein Buch dabei. Gerne ein Sachbuch – aber derzeit ist es ein Familien-Drama: „Sag ihr, ich war bei den Sternen". 

Wie übrigen Zimmer gehen Berit und Yvonne in ihrer vertrauten Routine ab. Doch Nachtpflege bedeutet nicht bloßes Warten. Sie bereiten Infusionstherapien für den kommenden Tag vor, schreiben pflegerische Entlassungsbriefe und sehen regelmäßig nach den Patient:innen. Sie arbeiten vorausschauend, bleiben aufmerksam und reagieren auf jede Veränderung. Der Monitor piepst ein paar Mal. Jemand findet keinen Schlaf, eine andere Person braucht Hilfe auf dem Weg zur Toilette.

Um fünf Uhr - Morgenrunde. Medikamente, Umpositionierung, Körperpflege für die Untersuchungen des Tages. Um sieben Uhr kommt die Tagschicht. Nach der Dienstübergabe geht Berit nach Hause und legt sich schlafen. In der nächsten Nacht hat sie wieder Nachtdienst.