Internationale Solidarität
Gewerkschaftsarbeit in Serbien
Zwischen Massenprotesten und drohender Privatisierung steht Serbiens Gewerkschaft GS JSKD Nezavisnost vor neuen Herausforderungen. Vorsitzender Milan Simic erzählt, auf was es jetzt ankommt.
Sein halbes Leben kämpft Milan Simic schon für die Rechte von Arbeiter:innen. Zunächst beim „Städtischen Verkehr Belgrad“, heute als Leiter der Gewerkschaft „GS JSKD Nezavisnost“. „Unsere aktuell größte Herausforderung ist die bevorstehende Privatisierung im Bereich der kommunalen Dienste“, sagt Simic. Öffentlich-private Partnerschaften werden in Serbien seit Jahren als Lösung präsentiert, doch aus Sicht der Beschäftigten würden sie kaum Verbesserungen bringen. „Nach wie vor arbeiten die Leute oft weiter für den Mindestlohn. Das muss sich ändern.“
Soziale Absicherung
Wo private Unternehmen übernehmen, kommt es häufig zu Personalabbau. Die Gewerkschaft versucht hier gegenzusteuern, indem sie Sozialprogramme und Weiterbildungsmaßnahmen vereinbart. Für Simic ist klar: „Wenn Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, müssen sie eine Perspektive bekommen.“ All dies wird in einem zunehmend schwierigen politischen Umfeld verhandelt.
Landesweite Massenproteste
Seit Ende 2024 kommt es in Serbien landesweit zu Massenprotesten. Ausgelöst durch den tödlichen Dacheinsturz des Bahnhofs Novi Sad, weiteten sie sich rasch zu einer breiten Bewegung gegen Korruption, Misswirtschaft und Polizeigewalt aus. Präsident Aleksandar Vucic und seine Partei halten zwar die politische Kontrolle, reagieren jedoch mit wachsendem Druck auf Protestierende – von Polizeieinsätzen bis zu institutionellen Sanktionen. „Wir können als Gewerkschaft so tun, als ginge uns das alles nichts an. Oder wir übernehmen Verantwortung und üben Druck auf die Verantwortlichen aus“, sagt der Vorsitzende bestimmt.
Gemeinsam mit Studierenden und zivilgesellschaftlichen Gruppen unterstützt Nezavisnost Forderungen nach mehr Transparenz und besseren Arbeitsrechten. Für ihn ist das kein Bruch mit gewerkschaftlicher Tradition, sondern deren Weiterentwicklung: „Arbeitsrechte lassen sich langfristig nicht verteidigen, wenn demokratische Grundrechte unter Druck stehen.“
Junge Bündnisse
Besonders wichtig ist ihm der Kontakt zur jungen Generation. Studierende waren der Ausgangspunkt der Proteste, inzwischen haben sich breite Teile der Gesellschaft angeschlossen. „Das ist auch eine Chance für uns. Junge Menschen erleben gerade, dass gemeinsames Handeln etwas bewegen kann.“ Gleichzeitig weiß er, dass politische Realitäten und geopolitische Konflikte diesen Weg erschweren. Umso wichtiger sei es ihm, Gewerkschaft nicht nur als Schutzinstrument, sondern als Ort der Mitgestaltung zu vermitteln. Dabei setzt Simic bewusst auf Verständlichkeit: „Mir ist wichtig, komplizierte Dinge einfach zu erklären. Viele Kolleg:innen haben keinen akademischen Hintergrund. Ich selbst habe einen großen Teil meines Lebens in der Werkstatt verbracht und sehe mich als Sprachrohr.“
Mehr öffentlicher
Verkehr Ein zentrales Thema von Nezavisnost ist der öffentliche Verkehr. In Belgrad wird seit Jahrzehnten über eine U-Bahn diskutiert, die Hoffnung ist groß, dass das Projekt noch heuer umgesetzt wird. Der Austausch mit den österreichischen Wiener Linien bei einem Ortsbesuch 2025 war für Simic besonders wertvoll: „Wir wollen lernen, wie eine Großstadt ihren Verkehr organisiert – im Interesse der Beschäftigten und der Bevölkerung.“ Doch wo Dialog und gemeinsame Lösungen ausbleiben, bleibt oft nur der Druck von unten.
Druck und Durchhalten
Das hat Simic mehrfach erlebt. Ein einschneidendes Erlebnis war ein großer Streik im Stadtverkehr, bei dem Belgrad zwei Tage lang stillstand. Unter massivem Druck von Polizei und Geheimdiensten musste der Streik schließlich beendet werden. Doch es gab auch Erfolge. Besonders stolz ist er auf den Abschluss eines nationalen Kollektivvertrages in den Jahren 2011 bis 2013. „Das war ein Moment, in dem wir gesehen haben: Gemeinsamer Druck kann etwas verändern.“
Oder, wie Simic es abschließend formuliert: „Gewerkschaftsarbeit heißt kämpfen. Aber immer mit dem Ziel, etwas Besseres möglich zu machen.“
Gewerkschaft Nezavisnost
Mitglieder: Beschäftigte im öffentlichen Verkehr und kommunalen Sektor Unabhängig im Dachverband UGS Nezavisnost mit insgesamt 114.000 Mitgliedern und Mitglied im Europäischen und Internationalen Gewerkschaftsbund
Historisch: aktive Rolle in Opposition und Sozialbewegungen gegen autoritäres Regime in den 1990er-Jahre
Aktuell: starke Abhängigkeit von staatlicher Politik, kommunalen Budgets & Korruption