Gegen die innere Uhr
Bis zu 700.000 Menschen arbeiten in Österreich im Schichtbetrieb. Arbeitsmediziner Karl Hochgatterer erklärt, was das für die Gesundheit bedeutet.
younited: Was passiert im Körper, wenn man regelmäßig nachts arbeitet?
Karl Hochgatterer: Der Mensch arbeitet in der Nacht gegen seine biologischen Rhythmen. Der Körper ist auf Schlaf, nicht auf Höchstleistung eingestellt. Um nachts gleich gut zu funktionieren wie tagsüber, braucht es mehr Anstrengung, die Beanspruchung steigt und damit auch die Fehleranfälligkeit.
younited: Welche gesundheitlichen Folgen hat regelmäßige Nachtarbeit?
Hochgatterer: Nachtarbeit ist klar eine belastende Arbeitszeitform. Das Hauptproblem ist der gestörte Schlaf: verkürzte Schlafdauer, schlechtere Schlafqualität und weniger Erholung summieren sich über Jahre. Langfristig steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, z. B. Bluthochdruck, und Stoffwechselerkrankungen, z. B. Diabetes. Dazu kommen psychische Belastungen wie Nervosität und ein erhöhtes Risiko für Erschöpfungssyndrome.
younited: Gibt es Gruppen, für die Nachtarbeit besonders riskant ist?
Hochgatterer: Besonders kritisch ist Nachtarbeit bei Epilepsie, bei psychischen Erkrankungen wie Psychosen oder Depressionen sowie bei chronischen Magen-Darm-Erkrankungen. Auch das Alter spielt eine große Rolle. Viele kommen jung besser zurecht, ab etwa 50 wird Nachtarbeit deutlich belastender. Gesetzlich gilt: Schwangere und Jugendliche dürfen nicht nachts arbeiten.
younited: Welche körperlichen Warnsignale sollten Beschäftigte ernst nehmen?
Hochgatterer: Entscheidend sind Veränderungen, die früher nicht da waren: anhaltende Müdigkeit trotz Schlaf, Reizbarkeit, Antriebslosigkeit und Kopfschmerzen. Treten diese Beschwerden regelmäßig auf, ist das ein Zeichen, dass der Körper die Nachtarbeit nicht gut verarbeitet. Dann nicht „durchbeißen“, sondern ernst nehmen und Unterstützung holen, beispielsweise über arbeitsmedizinische Beratung.
younited: Was können Beschäftigte tun, um trotz Nachtarbeit gesund zu bleiben?
Hochgatterer: Wichtig ist vor allem eine gute Schlafhygiene: tagsüber Ruhe und Verdunkelung schaffen und das Handy ausschalten. Nachtarbeit führt oft dazu, dass man Freizeit hat, wenn andere arbeiten, und arbeitet, wenn andere schlafen. Man sollte bewusst darauf achten, sich nicht zurückzuziehen, sondern soziale Kontakte aktiv zu pflegen, um sozialer Isolation entgegenzuwirken. Bewegung und Sport helfen und auch die Ernährung braucht Planung, da Schichtarbeit Essenszeiten verschiebt und falsches Essen Magen-Darm- und Stoffwechselprobleme verstärken kann. Zusätzlich sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wichtig, um Risiken wie Bluthochdruck, Diabetes oder Erschöpfung früh zu erkennen.
younited: Was muss sich betrieblich ändern, damit Nachtarbeit nicht auf Kosten der Gesundheit geht?
Hochgatterer: Es braucht gesunde Verpflegung, Pausenräume und planbare Essensmöglichkeiten sowie eine Arbeitszeitgestaltung ohne „zusätzliche“ Nachtschichten und mit ausreichend Erholung. Arbeitsmedizinische Beratung, Schulung und Vorsorge müssen konsequent umgesetzt werden, ergänzt durch technische Lösungen, die Nachtarbeit reduzieren. Wo möglich, plädiere ich auch für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.