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Eine Nacht im Kriesenzentrum

Wolfgang und Elias betreuen acht Kinder. In der Nacht wird die Wäsche gemacht - wenn alles gut geht.

Krise“ klingt hart. Nach Alarm, Eskalation, Ausnahmezustand. Wer an diesem Abend das Krisenzentrum im 22. Wiener Gemeindebezirk betritt, erlebt etwas anderes: Wärme, Ruhe, gedämpftes Licht. Zwei Mädchen im Schlafanzug diskutieren leise, welche Einschlafgeschichte sie hören wollen. Im Esszimmer stapeln sich Brettspiele, aus der Waschküche summt die Waschmaschine.

Acht Kinder und Jugendliche leben aktuell hier. Acht Kinder, deren eigenes Zuhause im Moment nicht sicher genug ist. Kinder mit Pflegestufen, mit Angstbelastungen, mit Gewalterfahrungen. Kinder, die jetzt vor allem eines brauchen: Schutz, Struktur und verlässliche Bezugspersonen. In dieser Nacht sind das Wolfgang und sein Kollege Elias.

Schutzraum auf Zeit

Krisenzentren sind eine zentrale Einrichtung der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11). Wenn Kinder oder Jugendliche in ihren Familien nicht ausreichend geschützt sind, werden sie hier vorübergehend untergebracht. Ziel ist immer, die Situation zu stabilisieren, Schutzmaßnahmen zu prüfen und, wenn möglich, eine Rückkehr in die Familie vorzubereiten.

Der Nachtdienst ist dabei ein besonders sensibler Teil der Arbeit. „Es gibt keine klare Grenze zwischen Tag und Nacht“, erklärt Wolfgang. Man verbringt den ganzen Tag mit den Kindern, gegen Abend verschiebt sich nur der Fokus ein wenig: gemeinsames Abendessen, Vorlesen, Zähneputzen, Einschlafrituale. An den Zimmertüren hängt neben bunten Zeichnungen ein Zettel, auf dem steht, wann Schlafenszeit ist. Erst wenn schon einige Stunden vergangen sind, wird es wirklich ruhig.

Um drei Uhr Früh

Doch auch dann ist niemand „außer Dienst“. Die Pädagog:innen wissen nie, ob sie einen schlafenden oder wachsamen Nachtdienst machen, je nachdem, wie die Situation ist. Ein Ohr hört immer mit: Wenn ein Kind unruhig wird. Wenn jemand weint. Oder wenn mitten in der Nacht das Telefon klingelt.

„Nachts kommen die meisten Anrufe um drei oder fünf Uhr morgens“, sagt Wolfgang. Am anderen Ende der Leitung: die Polizei. Dann beginnt die sogenannte Abklärung. Ist die Gefährdung so groß, dass ein Kind nicht mehr zu Hause bleiben kann? Gibt es Verwandte oder andere Bezugspersonen, die einspringen können?

Wolfgang entscheidet in diesem Moment über die Obsorge eines Kindes und entzieht sie gegebenenfalls den Eltern. Eine Entscheidung mit enormer Verantwortung, rechtlich wie menschlich. Bewertet er die Situation als gefährlich, wird das Kind noch in derselben Nacht aufgenommen. Frische Bettwäsche, Handtücher, ein ruhiges Zimmer. Weitere Routinen gibt es nicht. „Man muss sich immer individuell auf das Kind einstellen“, sagt Elias. Wichtig seien Ruhe, Authentizität und ein feines Gespür für Nähe und Distanz.

Allein im Nachtdienst

Und genau hier zeigt sich ein zentrales Problem: Der Nachtdienst wird in der Regel allein gemacht. „Das ist schwierig“, sagt Standortleiterin Kerstin Purkhauser und erinnert sich an ihre eigene Zeit im Nachtdienst: „Vor allem bei Überbelegung, wenn mehr als acht Kinder da sind und beispielsweise ein aggresiv auffälliger Jugendlicher randaliert, während du allein im Dienst bist. Aber gleichzeitig für alle anderen Kinder Verantwortung trägst.“

In „ruhigen“ Nächten beginnt auch ein anderer Teil der Arbeit: die Dokumentation. Protokolle über Auffälligkeiten, Telefonate mit Eltern und Ärzt:innen, Aufnahmen, Entlassungen. „Zehn bis 15 Seiten sind das pro Tag“, sagt Wolfgang.

Die Systeme seien veraltet, vieles muss doppelt dokumentiert werden. Die Schreibarbeit frisst Zeit. Zeit, die dann bei den Kindern fehlt. „Man wird einfach nie fertig“, sagt Kerstin.

Dass der Standort trotzdem funktioniert, liege an der Stabilität des Teams. Viele sind schon lange dabei und bringen einiges an Erfahrung mit. Der Austausch mit dem zweiten Krisenzentrum im Bezirk ist eng. Diese kollegiale Unterstützung ist „überlebenswichtig“, sagt Elias, vor allem in einem Beruf, in dem Abgrenzung nicht immer gelingt und man Erlebtes schwer „in der Arbeit lassen kann“.

Verantwortung unter Druck

Schicksale gibt es hier zuhauf: Die Kinder im Krisenzentrum kämpfen mit Selbstverletzung, Abhängigkeiten, Traumata, Gewalt. Die Sozialpädagog:innen sind da, wenn jemand Fieber bekommt, Heimweh spürt, einen Wutanfall erlebt, die Hausaufgaben vergessen hat oder die erste Periode bekommt. „Man ist Ansprechperson Nummer eins“, sagt Elias. In der Regel bleiben die Kinder sechs bis acht Wochen. In vielen Fällen gelingt die Rückkehr in die Familie. In anderen nicht.

Alle drei – Elias, Wolfgang und Kerstin – sind sich einig: Es bräuchte viel mehr präventive Angebote und ambulante Unterstützung für Familien, damit Kinder gar nicht erst im Krisenzentrum landen. Gleichzeitig erleben sie, dass Kürzungen im Sozialbereich ihre Arbeit zunehmend erschweren.

„Je mehr Sozialleistungen wegfallen, desto instabiler werden Familien“, sagt Wolfgang. Überforderung, wirtschaftliche Not, Ausweglosigkeit, all das landet am Ende bei den Kindern. Und damit im Krisenzentrum. „Wir fangen das auf, was vorher politisch versäumt wurde.“

Anerkennung fehlt

Dass das System noch funktioniert, liegt am Engagement der Beschäftigten. „Es läuft auf dem guten Willen der Mitarbeitenden“, sagt Elias. Ein guter Wille, der oft ausgenutzt werde. Sich dagegen wehren? Kaum möglich. „Wir können unsere Arbeit nicht einfach niederlegen. Wer kümmert sich dann um die Kinder?“ Die MA 11, sagen sie, werde oft totgeschwiegen. Anerkennung fehle, politisch wie institutionell.

Dabei ist ihre Arbeit hochrelevant für die Gesellschaft. Während die Stadt schläft, sichern sie den Kinderschutz. Treffen Entscheidungen, die Leben prägen. Halten aus, was andere nicht sehen wollen. Ein starkes Bekenntnis zu dieser Arbeit – personell, finanziell, politisch – ist keine Frage des Entgegenkommens. Sondern eine Frage der sozialen Verantwortung.