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Die Nacht und der Tod

Wenn in Wien eine Leiche gefunden wird, rückt nicht nur die Polizei aus. Auch Kristian vom Hygienezentrum ist dann im Einsatz - unterstützt von Patrick in der Zentrale.

Kristian und Patrick starten ihren Abend, wie andere ihren Morgen. Es gibt Kaffee – am besten stark. Denn wenn es dunkel wird in Wien, übernehmen sie die Nachtschicht im Hygienezentrum. Das HGZ ist Teil der Dienststelle MA 15 – Gesundheitsdienst der Stadt Wien und liegt im 11. Wiener Gemeindebezirk. Hier werden die Einsätze übergeben, Kaffee eingeschenkt, Telefone eingeschaltet. Jeder Anruf in dieser Nacht wird ein Todesfall sein.

Die Nachtschicht beginnt um 18.45 Uhr und endet um 7 Uhr morgens. Zuerst gibt es eine Übergabe von der Tagschicht. Patrick Gsellmann hat Journaldienst in der Zentrale und koordiniert die Anrufe, Kristian Skop fährt raus zur zentralen Totenbeschau. In der Nacht geht es beim Hygienezentrum fast ausschließlich um Todesfälle, außer es gibt einen behördlichen Einsatz, bei dem rasch desinfiziert werden muss.

Jeder Anruf eine Leiche
In der Zentrale gehen die Anrufe ein, von der Polizei, von Pflegeheimen oder von Privatpersonen – um 19 Uhr sind es bereits fünf. Während der Besprechung kommen zwei weitere dazu. Jeder Anruf heißt, es gibt eine weitere Leiche. Patrick klärt ab, wer verstorben ist, wo die Person liegt, wie Kristian hinkommt und in welchem Zustand sich der Leichnam befindet. Ob es eine ruhige Nacht wird, wissen sie nie. „Es gibt aber ein Phänomen“, sagt Patrick. „Wenn es nicht richtig regnet, sondern leicht nieselt, müssen wir oft raus. Wenn das Wetter umschlägt, sterben mehr Leute.“

Patrick gibt an Kristian die Einsätze für diese Nacht durch. Kristian arbeitet seit 32 Jahren beim Hygienezentrum – er kennt die Routine der Nachtschicht: Rein ins Auto und das Team aus Totenbeschauassistent und Ärztin fahren zur nächsten Leiche, um den Tod festzustellen, und um zu bestimmen, ob die Person eines natürlichen Todes gestorben ist. Ist das der Fall, wird die Bestattung verständigt. Andernfalls wird die Leiche zur Obduktion freigegeben.

Polizeileiche

Die erste Leiche, zu der Kristian und die Ärztin in dieser Nacht fahren, liegt im 7. Wiener Gemeindebezirk. Eine sogenannte „Polizeileiche“. „Also eine Leiche, die entweder von der Polizei gefunden wurde oder bei der die Polizei kontaktiert wurde“, sagt Kristian. Vor dem Haus überprüft er noch einmal, ob er alles griffbereit hat: Unterlagen, Handschuhe, Desinfektionsmittel. Er packt sie in seinen Koffer. Darin liegen auch die Hand- Fuß-Bänder – sie werden der verstorbenen Person um das Handgelenk und den Knöchel gelegt, damit die Bestattung weiß, wen sie vor sich hat.

Wenn jemand lange unentdeckt geblieben ist, wird Kristian meist vorgewarnt. Dann weiß er, womit er rechnen muss. Heute kennt er nur Name, Geburtsdatum und die Adresse. „Ich weiß nie so ganz, was mich erwartet“, sagt er. „Wie es drinnen aussieht, kann ich nicht sagen.“ Ob die Wohnung aufgeräumt ist oder chaotisch, ob jemand Spuren hinterlassen hat oder nicht, erfährt er erst, wenn die Tür aufgeht.

Fünf Minuten nachdem Kristian und die Ärztin angekommen sind, fährt ein Streifenwagen vor. Drei Beamt:innen in Polizeimontur steigen aus. „Guten Abend.“

Einsame Wohnung

Die große, braune Tür des alten Wiener Hauses fällt hinter ihnen ins Schloss. Im Stiegenhaus zieht es. Schritte hallen. „Welche Tür suchen wir?“, fragt ein Polizist und blättert in seinen Unterlagen.

Fünf Minuten später stehen sie vor der richtigen Wohnung. Drinnen ist es still und dunkel. Die Wohnung ist leer – bis auf den Toten im Wohnzimmer. Kristian assistiert der Ärztin, dreht den Körper, sucht nach Unterlagen und legt die Hand-Fuß-Bänder an. Seine Bewegungen sind ruhig und routiniert.

In der Wohnung gegenüber brennt Licht. Niemand ahnt, dass nebenan ein Mann tot in seinem Wohnzimmer liegt. Er ist friedlich eingeschlafen. Ein Freund, der ihn nicht erreichen konnte, hat die Polizei verständigt. Nach zehn Minuten ist die Totenbeschau beendet. Kristian geht die Stiegen hinunter. Seine Schritte hallen im Stiegenhaus. „Die Bestattung ist informiert und holt den Verstorbenen später ab“, sagt er. „Jetzt geht es weiter.“

Nachts sterben viele

Der nächste Einsatz ist in einem Altenheim. Dort geht es schneller. Die Unterlagen sind vorbereitet, der Todeszeitpunkt ist klar. Sie bestätigen nur noch.

Acht Personen wird er in dieser Nacht noch untersuchen. Alle sind in Pflegeheimen verstorben. Die Abläufe ähneln sich. Unterlagen ausfüllen, Person untersuchen, Hand-Fuß-Bänder anlegen. „In der Nacht sterben viele“, sagt er. „Aber oft bemerken es die Angehörigen erst am Morgen.“ Dann übernimmt die Tagschicht.

Das Wachbleiben fällt ihm leicht. „Das war schon immer so“, sagt Kristian. „Ich kann überall schlafen. Für mich macht es keinen großen Unterschied, ob Tag oder Nacht ist.“ Kaum zu Hause im Bett, fallen ihm die Augen zu.