Alles Walzer, alles Sauber
Wenn im Wiener Rathaus gefeiert wird, halten die Raumpflegerinnen Elisabeth Scholz und Gönül Atas den Betrieb am Laufen. Eine Nacht zwischen Ballkleidern und Gummihandschuhen.
Freitag, 18.00 Uhr, Wiener Rathaus. Während viele ins Wochenende starten, beginnt für Elisabeth „Lisi“ und ihre Kollegin Gönül der Arbeitstag. Oder besser gesagt: die Arbeitsnacht. Weißes Hemd, rote Weste darüber, die Gummihandschuhe immer griffbereit. Rund 3.000 Gäste werden zum heutigen Blumenball erwartet. Ein Abend, an dem nichts dem Zufall überlassen werden darf.
Lisi arbeitet seit 14 Jahren als Raumpflegerin im Rathaus der Stadt Wien. Der monumentale Bau hat einen Grundriss von 152 mal 127 Meter und beherbergt insgesamt 1.575 Räume. „Ein bisserl hat es schon gedauert, bis ich mich hier zurechtgefunden habe“, sagt sie lachend. Heute kennt sie ihren Dienstort, mit seinen Höfen und Stiegenhäusern wie ihre Westentasche. Ihre Kollegin Gönül ist ebenso routiniert, die beiden sind ein eingespieltes Team.
Und ihre Aufgaben gehen weit über das Reinigen hinaus. Garderobendienst, Kontrollgänge durch die Sanitäranlagen, zerbrochene Gläser entfernen „und eben alles, was sonst so anfällt“, sagt Lisi. „Ein aufgerissener Saum, ein fehlender Knopf, wir helfen zügig.“ Ein kleiner Nähkoffer gehört fix zur Ausrüstung. Einmal löste sich bei einem Gast die komplette Schuhsohle. Kurzer Draht zur hauseigenen Werkstatt, etwas Lederkleber und der Ball konnte weitergehen. Es sind diese kleinen Anekdoten, die für Lisi den Reiz dieser Nächte ausmachen.
Auf Kontrollgang
20:00 Uhr, kurzer Check im Staatssenat-WC – laut Lisi das schönste im ganzen Rathaus. Mit geübtem Blick prüfen sie und Gönül die Kabinen: Ist genügend Papier da? Sind die Toiletten sauber? „Gegen Ende des Abends landet vor allem Essen im WC“, sagt Lisi. Strumpfhosen, Schuhe und sogar Handys haben sie hier schon gefunden. Am schlimmsten seien die Schülerbälle. „Da ist es besonders grausig.“
Wachbleibe-Trick
Ein kompletter Rundgang durch alle WC-Anlagen des Hauses dauert rund eineinhalb Stunden und wird immer zu zweit gemacht – aus Sicherheitsgründen und weil man sich aufeinander verlassen muss. Die Kontrollen finden die ganze Nacht lang statt. Danach und dazwischen geht es wieder zurück in die Garderobe: Jacken annehmen, Fragen der Gäste, erste kleine Notfälle, freundlich bleiben. Auch wenn die Füße langsam schwer werden.
Gegen 22 Uhr kann Lisi einen Moment durchatmen. Eine kurze Pause im Dienstraum, raus aus dem Trubel. Eine Tasse Kaffee hilft gegen die Müdigkeit. Zum Abschalten: Candy Crush am Handy. „Um diese Zeit kommt meist ein kleines Tief“, sagt sie. „Das muss man einfach ignorieren und dann geht es bis fünf Uhr in einem Wisch durch.“
Ihr bester Wachbleibe-Trick in langen Nächten sei der Spaß an der Sache. „Wenn Gönül zum Beispiel einen Scherbenhaufen im Diskoraum wegräumen muss, bewege ich mich dazu auch mal kurz im Takt der Musik“, gibt Lisi augenzwinkernd zu.
Dennoch: Schnelligkeit und Sicherheit stehen an erster Stelle. Noch immer ist Raumpflege ein Beruf, der stark von Frauen getragen wird. Nachtdienste im Zuge von Veranstaltungen, körperliche Belastung und Verantwortung werden dabei oft als selbstverständlich hingenommen. Dabei zeigt gerade diese Arbeit, wie viel Erfahrung und Durchhaltevermögen es braucht, um solche Nächte zu stemmen.
Prominente Begegnung
Lisi und Gönül arbeiten dennoch gerne an solchen Abenden im Rathaus. Was es besonders macht, ist die Abwechslung. Und ja, auch das Promi-Schauen gehöre dazu: Fußballer Toni Polster oder Heinz Zuber alias Clown Enrico. In der Garderobe begegnet man vielen bekannten Gesichtern. Ordentlich Gesprächsstoff für die Tage danach. Ärgerlich seien hingegen respektlose Gäste.
Manchen geht es um 3 Uhr morgens nicht schnell genug“, erzählt Lisi kopfschüttelnd. „Die kraxeln dann selbst über den Tisch und wollen sich ihre Jacke holen. Die Stimmung kippt dann manchmal genauso schnell wie ein Glas am Boden." Mit fortschreitender Nacht verändert sich das Tempo der Arbeit. Die Wege werden länger, die Pausen kürzer, die Aufmerksamkeit muss hoch bleiben.
Jeder Handgriff sitzt, jede Situation wird ruhig gelöst. Dass diese Arbeit meist im Hintergrund passiert, macht sie nicht weniger anspruchsvoll, sondern umso notwendiger.
Kehraus im Rathaus
Gegen 5 Uhr morgens endet der Nachtdienst. Zumindest meistens. Je nachdem, wie hartnäckig die letzten Ballgäste sind. Wenn die Musik dann tatsächlich verstummt und die Säle leer sind, zeigt sich, was hinter einer solchen Nacht steckt: viele Stunden körperliche Arbeit und ständige Aufmerksamkeit bis in die frühen Morgenstunden.
Ohne den Einsatz der beiden Raumpflegerinnen Lisi und Gönül wäre ein Ball dieser Größenordnung an diesem Abend nicht denkbar. Zeit, den Scheinwerfer auch auf jene zu richten, die abseits des Parketts diese Verantwortung tragen.