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Jürgen Czernohorszky im younited-Interview

younited: Eine gute Fee erscheint und bringt Ihnen auf der Stelle 100 Beschäftigte mit einer Ausbildung nach Wunsch. Wo würden Sie sie einsetzen? Oder anders gefragt: Wo ist der Personalmangel gerade am stärksten?

Czernohorszky: Am allermeisten Bedarf haben wir in drei Bereichen. Einmal natürlich im ganzen Zusammenhang mit Arbeit am Menschen für Menschen, zum Beispiel in der Pädagogik oder im Gesundheitsbereich. Zweitens sämtliche Berufe, die mit dem Umbau der Stadt zu tun haben, Stichwort: Bekämpfung der Klimakrise, Anpassung der Stadt an heißer werdende Sommer. Da brauchen wir mehr Techniker:innen als in der Vergangenheit. Auch für die laufende Neuschaffung von Parks suchen wir Personal, zum Beispiel Gärtner:innen. Und drittens – das ist jetzt kein bestimmter Bereich – suchen wir für alle Geschäftsgruppen Personal, das die Digitalisierung vorantreibt.

younited: Auf der Website der Stadt Wien wird besonders nach IT-Developer:innen, Referent:innen für Hochbau, Sachbearbeiter:innen in Bauverfahren, Sozialpädagog:innen und Werkmeister:innen für Bauwesen gesucht. Gibt es eigentlich irgendeinen Bereich, wo es genug Personal gibt?

Czernohorszky: Wir suchen in allen Bereichen, das muss man sagen. Der Hauptgrund ist die demografische Situation. Die Babyboomer-Generation geht in den kommenden fünf bis acht Jahren in Pension. Allein bis 2030 wechseln 21.000 Mitarbeiter:innen in den Ruhestand. Gleichzeitig wächst die Stadt. Das ist erfreulich, aber braucht zum Beispiel auch mehr Kindergartenpersonal. Wir investieren aber auch groß in die Wasserinfrastruktur. Das heißt natürlich auch ein erhöhter Personalbedarf in diesem Bereich.

younited: Akuter Personalmangel heißt aber auch nichts anderes, als dass das bestehende Personal die Lücken füllen muss. Irgendwer muss die Arbeit ja erledigen …

Czernohorszky: Dort wo es Lücken gibt, haben die Mitarbeiter:innen zurzeit eine besonders schwere Situation. Man darf dabei auch nicht vergessen, dass die Mitarbeiter:innen der Stadt eine Krisensituation gemeistert haben – trotz vieler Krankenstände auch unter den Kolleg:innen.

younited: Wann können unsere Kolleg:innen mit Entlastung rechnen? Wie will die Stadt Personal gewinnen?

Czernohorszky: Zuerst einmal muss man sagen, dass wir in den vergangenen Monaten und Jahren schon wirklich sehr viele Schritte gesetzt haben. Zum Beispiel das Dienstrecht, das wir neu beschlossen haben. Das ist österreich- und europaweitweit einzigartig und macht uns sehr attraktiv. Wir haben auch einen sehr großen internen Arbeitsmarkt, mit dem man schnell Karriereperspektiven entwickeln kann. Bei uns ist es möglich, vom Lehrling zur Magistratsdirektor:in aufzusteigen. Und wir bezahlen natürlich gut. So verdient eine Elementarpädagogin bei der Stadt Wien mehr als eine Elementarpädagogin im österreichischen Schnitt. Und wir bieten, wie gesagt, Arbeiten mit Sinn.

younited: Ist auch eine starke Gewerkschaft ein Argument?

Czernohorszky: Ja, natürlich. Ich bin zwar auf der anderen Seite des Verhandlungstisches, aber gute Lohnabschlüsse sind wichtig. Ich habe ein klares Bekenntnis zur Sozialpartnerschaft, die wir in Wien leben. Es hat ja alles gar keinen Sinn, wenn wir die Herausforderungen nicht gemeinsam angehen. Auch wenn es zum Beispiel um die Lehrlingsausbildung geht. Wir wollen in den kommenden Jahren die Wege, wie man in die Stadt kommt, stark ausbauen. Wien ist zwar schon jetzt einer der größten Lehrlingsausbilder der Republik, aber das kann noch deutlich mehr werden. Wir haben ja auch eine Verantwortung gegenüber den jungen Menschen.

younited: Was genau ist gemeinsam mit der YOUNG younion geplant?

Czernohorszky: Wir wollen zum Beispiel die duale Ausbildung forcieren. Das ist ein sehr erfolgreiches Konzept, das wir bereits im Verwaltungsbereich einsetzen. Wir wollen es aber auch im technischen und sozialpädagogischen Bereich einführen. Junge Menschen können dann mit einem fixen Gehalt eine Studienberechtigungsprüfung machen – und haben exzellente Jobperspektiven. Wir haben aber gemeinsam mit dem WAFF noch viel mehr Dinge vor.

younited: Gibt es auch Werbemaßnahmen?

Czernohorszky: Wir haben Ende April eine große Medienkampagne gestartet, um neues Personal zu finden. Dabei zeigen wir keine künstlichen Bilder, sondern reale Mitarbeiter:innen. Sie berichten voll Stolz von ihren Tätigkeiten – und das soll „anstecken“. Die Kampagne wurde übrigens hausintern mit großem Engagement von den Kolleg:innen im Presse- und Informationsdienst entwickelt.

younited: Glauben Sie, dass die Bundesregierung genug gegen den Personalmangel in den Städten und Gemeinden macht?

Czernohorszky: Würde uns der Bund in vielen Bereichen nicht große Brocken in den Weg legen, wären wir nicht in dieser Situation. Ein Beispiel ist die Elementarpädagogik. Wir wissen seit Jahren, dass die Ausbildungssystematik für Elementarpädagog:innen einfach nicht funktioniert. Es gibt viel zu wenig Absolvent:innen, die dann in den Beruf einsteigen. Andere Ausbildungsmodelle funktionieren da deutlich besser. Wir haben Großprojekte vor, wie „Raus aus dem Gas“, wollen eine Energiewende in ganz Österreich – und wann glauben Sie ist die die letzte HTL in Wien eröffnet worden? Das war vor vier Jahrzehnten! Dazwischen ist Wien um 400.000 Menschen gewachsen. Da frage ich mich schon, was der Bildungsminister eigentlich beruflich macht. Ein weiteres Beispiel ist der restriktive und arbeitsmarktpolitisch dumme Umgang mit der Arbeitsmigration. 

younited: Zum Abschluss noch kurz, was die künstliche Intelligenz ChatGPT über sie schreibt: „Jürgen Czernohorszky ist ein österreichischer Politiker und ehemaliger Stadtrat für Bildung, Jugend, Information und Sport in Wien. Er wurde am 15. März 1977 in Wien geboren und studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Kulturmanagement. Vor seiner politischen Karriere war er Lehrer.“

Czernohorszky (lacht): Das stimmt nicht.

younited: Ja, da gibt es krasse Widersprüche zum Wikipedia-Eintrag. Trotzdem: Ist die künstliche Intelligenz ein Mittel gegen Personalmangel?

Czernohorszky: Mit der künstlichen Intelligenz kommt eine große Entwicklung auf uns zu, auch wenn sie noch nicht fehlerfrei funktioniert. Wir sind mehr als gut beraten, dem nicht zuzuschauen, sondern es in die Hand zu nehmen und bestmöglich zu nutzen. Vielleicht ist der Gedanke dabei der, dass dann nicht nur der Stadtrat oder die Dienststellenleiter:in eine großartige Assistenz hat, sondern jede Mitarbeiter:in bei der Ausführung des Jobs. Was ich mir nicht vorstellen kann ist, dass die KI Mitarbeiter:innen ersetzt.

Wir bieten Jobs, die Sinn machen. Das vermitteln wir auch in einer Werbekampagne.

Jürgen Czernohorszky
Interview: Marcus Eibensteiner