Wenn das Strafrecht zu mild bleibt, muss der Sport konsequent handeln
Kommentar von Stefanie Enzinger, Fußballbeauftragte (Fokus: Profis Frauen), younion-Sportgewerkschaft
Der Schuldspruch am Landesgericht Feldkirch gegen einen Ex-Funktionär des SCR Altach wegen heimlicher Aufnahmen in der Frauenkabine ist für viele Betroffene kein „Schlussstrich“, sondern ein weiterer Einschnitt. Sieben Monate bedingte Haft, 1.200 Euro Geldstrafe und 625 Euro Zuspruch pro betroffener Spielerin – das ist das, was am Ende von einem massiven Vertrauensbruch „übrig bleibt“. Und selbst dieses Urteil ist nach Medienberichten noch nicht rechtskräftig.
Ich habe in den vergangenen Tagen mit Betroffenen gesprochen. Eine Spielerin hat mir gesagt:
„Ja, ich glaube, alle sind ein bisschen schockiert… auch von Medien ist das irgendwie als verrückt aufgenommen worden. Persönlich finde, dass das nicht fair ist…“
Dieser Satz trifft einen Nerv. Nicht, weil es hier um „fair“ im sportlichen Sinn geht – sondern weil sich viele die gleiche Frage stellen: Wie kann ein so schwerer Eingriff in die Intimsphäre, in einen geschützten Raum wie die Kabine, mit einer derart mild wirkenden Konsequenz enden? Die Kabine ist kein öffentlicher Ort. Sie ist Rückzugsraum, Arbeitsplatz, Zuhause. Wer dort heimlich filmt, nimmt Menschen ihre Sicherheit – und zwar genau dort, wo sie sich sicher fühlen müssen.
Wenn Gerichte – aus welchen Gründen auch immer – im gesetzlichen Rahmen „mild“ reagieren, dann entsteht ein gefährliches Signal nach außen: Das Urteil ist nicht abschreckend genug. Man könnte auf die Idee kommen, dass man so etwas „eh machen kann“, weil „richtig viel passieren“ wird schon nicht. Und genau das dürfen wir als Sport nicht zulassen.
Denn eines ist klar: Der Sport ist nicht machtlos. Strafrecht ist das eine. Aber der Sport hat eigene Verantwortung – gegenüber Spielerinnen, gegenüber Nachwuchsathletinnen, gegenüber Eltern, Vereinen, Verbänden und allen, die tagtäglich Vertrauen investieren. Wer dieses Vertrauen in so einer Form missbraucht, darf im Sport keinen Platz haben. Punkt.
Das heißt auch: Wir müssen Schutz ernst zu nehmen. Prävention und Konsequenz beginnen bei klaren Regeln, bei transparenter Kommunikation, bei gelebten Schutzkonzepten – und bei der Bereitschaft, Personen, die Grenzen überschreiten, konsequent aus Funktionen und aus der Nähe zu Teams zu entfernen. Der Fall zeigt brutal, wie dringend das ist.
Was jetzt zählt: Schutz, ohne Show – und Ansprechpartnerinnen, die erreichbar sind.
Viele Betroffene wollen keine Pressekonferenz, keinen öffentlichen Schlagabtausch, kein „mediales Tam-Tam“. Sie wollen vor allem eines: ernst genommen werden – und Sicherheit. Genau deshalb gilt: Wer sich unwohl fühlt, Verdachtsmomente hat oder einfach reden möchte, soll wissen, dass es niederschwellige, vertrauliche Wege gibt.
Nadine Prohaska und ich sind für alle Spieler:innen erreichbar – anonym, vertraulich, ohne Druck. Wir hören zu, ordnen ein, erklären Optionen, begleiten Schritte, wenn das gewünscht ist. Manchmal geht es „nur“ darum, ein Bauchgefühl zu überprüfen. Manchmal geht es um klare Grenzverletzungen. In beiden Fällen ist Schweigen nie die bessere Lösung – aber der Weg nach außen muss nicht laut sein, um wirksam zu sein.
Unser Auftrag an den Sport
Dieser Fall darf nicht als Einzelfall abgehakt werden. Er ist ein Warnsignal. Und er ist ein Auftrag: Schutzkonzepte müssen sichtbar, verständlich unein. Zuständigkeiten müssen klar sein. Und wenn das Strafrecht nicht die abschreckende Wirkung entfaltet, die viele erwarten, dann muss der Sport selbst umso entschlossener zeigen: Wer Grenzen verletzt, wer Intimsphäre missachtet, wer Macht ausnutzt, hat im Sport nichts verloren.