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Kondome zur Entnahme Die Kondome sind zur freien Entnahme
Kondom auf Holz-Penis Kondom-Schulung: Oben darf keine Luft drin sein
Arzt im Behandlungsraum Hautarzt Andreas Tzovaras im Untersuchungsraum
Das Muster eines Das Muster eines "Deckels"

Auch Rotlicht braucht Gesundheit

Vor Ort bei jenen KollegInnen, die sich in Wien um SexarbeiterInnen kümmern.

Nachmittags um 15 Uhr - es ist nun ruhig geworden in der Sozialberatungsstelle. Sozialarbeiterin Andrea Schuh-Loidolt räumt ihren Schreibtisch auf. Die ärztlichen Zuweisungen müssen abgelegt, die Notizen aus den Beratungen in die Dokumentation geschrieben sowie der Schreibtisch vom Anschauungsmaterial in Form von Kondomen etc., aufgeräumt werden.

Für die Sozialarbeiterin ist es so etwas wie Routine, ein rotes Kondom über  den Holz-Penis zu ziehen, der sichtbar am Schreibtisch zwischen den Körbchen mit den verschiedenen Präservativen steht.

Um ein sicheres Arbeiten für SexarbeiterInnen zu ermöglichen, ist es wichtig, an die Safer-Sex-Regeln zu erinnern. „Am besten geht es“, meint Frau Schuh-Loidolt, „indem ich es vorzeige. Oben beim Reservoir darf keine Luft drinnen sein, sonst kann der Gummi platzen.“

Im ersten Moment befremdlich

Damit sind wir schon voll in eine Welt eingetaucht, die im ersten Moment befremdlich und neu wirken kann. Andrea Schuh-Loidolt ist es damals ähnlich  gegangen, als sie vor knapp zwei Jahren in die MA 15 – Gesundheitsdienst der Stadt Wien gewechselt hat.

Mittlerweile kennt sie die Sex-Branche in der Bundeshauptstadt nur zu genau. Schuh-Loidolt: „Wir versuchen, sehr offen und sachlich mit der Thematik Sexarbeit im Rahmen unserer Aufklärungsarbeit umzugehen, die Vorinformationen sind sehr unterschiedlich. Es sollen aus unseren KlientInnen keine PatientInnen werden.“

Ohne Kondom ist keine Ausnahme

Wobei das ein bisschen ein Kampf gegen rotbeleuchtete Windmühlen ist. Fachbereichsleiterin Doris Tschabitscher: „Die beängstigende Wahrheit ist, dass manche Männer mehr bezahlen, wenn sie kein Kondom benützen müssen. Und viele Frauen lassen sich wider besseren Wissens darauf leider ein.“

Leitende Amtsärztin Marianne Emri-Gasperlmair: „Erst unlängst hatten wir eine 19-jährige, bei der wir das Virus festgestellt haben. Für sie ist eine Welt zusammengebrochen, obwohl sie mehr oder weniger gewusst hat,  worauf sie sich einlässt.“

Ohne Untersuchung kein "Deckel"

Das Erkennen der Infektion war natürlich kein Zufall. Genau dafür ist das Amtsärztliche Referat für Sexuelle Gesundheit und Prostitution nämlich da. Entsprechend der Verordnung Gesundheitliche Vorkehrungen für Personen, die sexuelle Dienstleistungen erbringen (BGBl. II 198/2015), und dem AIDS-Gesetz (BGBl. 728/1993 idgF) sind Sexworker verpflichtet, sich vor Beginn der Tätigkeit und in weiterer Folge im Abstand von sechs Wochen untersuchen zu lassen.

Kommt jemand nicht zur Untersuchung, gibt es auch keine Bestätigung im Lichtbildausweis (auch „Deckel“ genannt). Wer ohne arbeiten geht und bei einer Polizeikontrolle auffällt, wird bestraft.

Mehr Bürokratie für mehr Sicherheit

Aber nicht nur die Prostituierten werden regelmäßig kontrolliert, sondern auch die entsprechenden Lokale. Da rücken gleich mehrere Magistratsabteilungen aus, um nach dem Rechten zu sehen. Wolfgang Langer von der Wiener Polizei: „Dieses Mehr an Bürokratie hat uns viel geholfen. Das hat die vertrieben, die nur das schnelle Geld machen wollten.“

Wobei da auch noch eine andere Entwicklung eingesetzt hat: Viel Geld ist mit Sexdienstleistung einfach nicht mehr zu verdienen. Es gibt Frauen, die für 15 bis 20 Euro praktisch alles machen. Da schaut für einen Zuhälter einfach nichts heraus. Nur in den drei bis vier Top-Etablissements der Stadt können Frauen tatsächlich noch ordentlich verdienen.

Wolfgang Langer: „Die haben auch die besseren Kunden. Auf der anderen Seite kenne ich ein paar, die nicht einmal wissen, was sie am nächsten Tag essen sollen. Aber auch die spielen den Freiern eine Glitzerwelt vor.“

15.000 Kunden täglich

Rund 3.400 Menschen sind in Wien als SexarbeiterInnen gemeldet. Rund 70 davon sind Männer. Der Markt wird von Frauen aus Rumänien dominiert (40 Prozent), 24 Prozent kommen aus Ungarn, je fünf Prozent aus Bulgarien und der Slowakei. Der Anteil der ÖsterreicherInnen beträgt drei Prozent. Der Rest verteilt sich auf andere Länder.

Wobei die Polizei schätzt, dass tatsächlich „nur“ 1.800 Frauen und Männer täglich in Wien Sexarbeit leisten und rund 15.000 Kunden befriedigen. Zwar gibt es nach wie vor illegale Prostitution, aber die hält sich in einem überschaubaren Rahmen.

Zunahme an Sexarbeiterinnen aus China

Was den Behörden viel mehr Sorgen macht, ist die Zunahme von Sexarbeiterinnen aus China. Die meisten chinesischen Sexarbeiterinnen sind genau das Gegenteil von illegal. Sie halten jede noch so kleine Auflage ein. Entspricht etwas nicht den Gesetzen, hilft ihnen sofort ein Anwalt. Die Polizei vermutet dahinter eine oder mehrere Organisationen.

Han Ying, Amtsärztin in der Wiener MA 15: „Aber auch mir gegenüber machen sie leider keine Angaben, ob sie zur Sexarbeit gezwungen werden.“ Geschlagen werden sie jedenfalls nicht, das würde bei den Kontrollen auffallen. Psychischer Druck ist da schon wahrscheinlicher.

Ein Ermittler: „Es kann sein, dass ihre Familien zu Hause eingeschüchtert werden. Das können wir aber nur schwer ermitteln. Mit den östlichen Ländern arbeiten wir ganz gut zusammen, aber nicht mit China.“
Ein Problem ist auch, dass es keine Unterstützung für jene Chinesinnen gibt, die aussteigen und mit der Polizei zusammenarbeiten wollen.

Das Rätsel um die Frauen aus Nigeria

Noch eine andere Gruppe drängt auf den Wiener Sex-Markt: Frauen aus Nigeria. Wobei es eher eine Rückkehr ist. Denn eine Zeit lang dominierten sie den Markt im 2. Bezirk. Dann verschwanden sie aber plötzlich, quasi über Nacht. Warum das so war, ist auch bei der Polizei nach wie vor ein Rätsel.

Sozialarbeiterin Andrea Schuh-Loidolt abschließend: „Egal wer in die Sexbranche einsteigt muss wissen, dass es alles andere als leicht verdientes Geld ist. Hinter dem vordergründigen Lächeln der Frauen steckt viel Leid und hinter jeder Sexdienstleisterin eine Lebensgeschichte!“

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