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OP-AssistentInnen: Geht nicht, gibt's nicht

Sie stellen sicher, dass im OP-Betrieb alles funktioniert. Dennoch sind OperationsassistentInnen kaum bekannt.

Gerhard Lux ist seit 27 Stunden im Krankenhaus, als er uns begrüßt. Blaue Augen. Sanfte Stimme. Er lächelt: „An lange Arbeitszeiten gewöhnt man sich in diesem Beruf.“ Lux ist Operationsassistent im Kaiser-Franz-Josef-Spital – Sozialmedizinisches Zentrum Süd, im zehnten Wiener Gemeindebezirk.

Wir legen Schutzkleidung an und passieren die Hygiene-Schleuse. Auch die Hände müssen desinfiziert werden. Dann treten wir in eine andere Welt. Der Operationstrakt ist normalerweise für „Zivilisten“ tabu; Lux, der auch in der Personalvertretung tätig ist, hat eine Ausnahme für uns erwirkt. Wir heften uns an seine Fersen, es herrscht emsige Betriebsamkeit.

Reibungsloser Ablauf

Fünf OP-Säle sind besetzt – ein Monitor zeigt an, wann PatientInnen eingeschleust, umgebettet, operiert und wieder ausgeschleust werden. „Die OperationsassistentInnen sind die ersten und die letzten, die hier mit den PatientInnen Kontakt haben“, sagt Lux.

Sie sind ein wichtiger Teil des Teams, das sicherstellt, dass der OP-Betrieb reibungslos abläuft.  Ringsum fiept und piept es. Geräte im Wert von mehreren Mittelklasseautos rattern und surren. Ob Lagerungshilfsmittel, Fernsteuerungen oder die personalisierte Dioptrien-Anpassung bei optischen Geräten für den operierenden Arzt: „Dass etwas nicht funktioniert, darf es nicht geben“, sagt Lux.

Fortschritt braucht Schulung

21 Mitarbeiter zählt die Mannschaft inklusive dem leitenden OP-Assistenten Christian Hebbauer. „Die fortschreitende Digitalisierung und Technisierung der Maschinen verlangt der Mannschaft vieles ab. Wir haben Zeiten, in denen es jede Woche Einschulungen an neuen Geräten gibt“, sagt er. Und das über Monate.  Die Schulungen sind jedoch rudimentär. Das Know-how am Gerät muss sich das Team selbst erarbeiten. „Das geht gar nicht anders, als dass man Spezialisten für jedes Gerät bestimmt“, sagt der Leitende. Schließlich muss, auch wenn der Erstbetrieb Monate nach der Einschulung erfolgt, alles glatt gehen.

Lux hat über die Jahre eine kleine Philosophie entwickelt: „Im Zentrum steht der Patient. Alle Menschen und Geräte sind nur für ihn da. Deshalb ist es wichtig, dass die Zusammenarbeit klappt.“

Vom Arzt bis hin zu den Pflegekräften

Die Arbeit ist hart. Das erfahren wir am eigenen Leib. Ein gut gelaunter OP-Assistent hat uns eingeladen, einen Hightech-OP-Tisch zu schieben. Einen von diesen massiven, mit chromverspiegeltem Metall. Wir bitten ihn, die Fußbremse zu lösen. Er lacht nur: „Die ist schon gelöst.“

Trotz aller hydraulischen Hilfen zum richtigen Lagern der PatientInnen ist das, was OP-AssistentInnen leisten, noch immer blanke Schwerarbeit. Und dennoch: Für diese Berufsgruppe gibt es keinen Berufsschutz. „Wenn wir gesundheitlich nicht mehr können, hängen wir in der Luft“, erzählt Christian Hebbauer, der leitende Operationsassistent. „Wenn uns etwas passiert – und das kommt immer wieder vor – dann geht es oft so weit, dass man seinen Job aufgeben muss.“

Berufsbild braucht Überarbeitung

Das aktuelle Gesetz von 2013 sei ein Fortschritt gewesen, weil Rechte und Pflichten besser festgeschrieben wurden. Aber noch gibt es viel zu tun. Von der Schaffung des neuen Berufsbildes „Operationstechnische/r Assistentin/Assistent“, einer Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeit für OP-AssistentInnen, gar nicht zu sprechen.

Als Mindestforderung sieht Lux zumindest „eine Vor- und Nachbereitungszeit für Operationen vonseiten des OP-Managements“. Das wäre hochnotwendig, damit sich die Operationen nicht endlos aneinanderstückeln. Schließlich hat der Mensch Leistungsgrenzen.

Im Raum mit den Lagerungsbehelfen treffen wir Wolfgang Kleinberger und kommen ins Gespräch. Er erinnert sich, dass er am 1. April 1992 – also vor 25 Jahren – im SMZ-Süd angefangen hat. Warum er seinen Job mag? „Die Arbeit bietet Konstanz, ein eingespieltes Team. Deshalb komme ich gerne her“, sagt Kleinberger. Jetzt ist er 50 Jahre alt, ein alter Hase.

„Damals, als ich mit 15 Jahren zu arbeiten begonnen habe, hat man mir gesagt, 35 Versicherungsjahre müsst ihr schultern. Jetzt heißt es, wir müssen mehr schaffen.“ Die Frage, die sich auch ihm stellt: Was tun, wenn es irgendwann nicht mehr geht?

Bei Akutfall schießt Adrenalin ein

Wieder am Gang. Konzentrierte Erregung. Eine automatische Tür springt auf, ein neuer Patient wird hereingerollt. Beim leitenden OP-Assistenten klingelt es. Wir müssen aus dem Weg springen. Wie sieht es mit Stress und Belastung aus?

Lux wägt die Antwort ab. „Adrenalin spielt eine Rolle. Heute Nacht gab es wieder einen Akutfall: Kaiserschnitt. Da braucht man den Schub. Wenn alles klappt, ist man danach aber doppelt zufrieden.“

Die Anspannungsphasen können sich mitunter lange hinziehen. Sechs bis sieben Stunden steht man bei manchen Eingriffen im OP. Und danach geht es gleich weiter. Durchhaltevermögen und Nerven wie Drahtseile sind dann gefragt.  Auch die Psyche steht unter Druck. „Wenn man PatientInnen sieht, die immer wieder kommen, sie besser kennenlernt, geht einem ihr Schicksal schon unter die Haut“, sagt Lux.

Der Alarm-Ton geht durch Mark und Bein

Wir gehen hinüber in den OP für Notfall-Entbindungen. Die Geräte laufen auf Standby. „Wir könnten jederzeit loslegen“, sagt Kleinberger. So wie gestern Nacht beim akuten Kaiserschnitt. „Hier habe ich ein rotes Telefon“, führt der Vater zweier Kinder aus. Der Alarm-Ton geht durch Mark und Bein. Schließlich geht es um Leben und Tod, wenn man zum Beispiel eine starke Blutung stillen muss.

Lux begleitet uns zur Hygieneschleuse zurück. „Zum Glück ist meine Frau OP-Schwester. Sie versteht die Arbeit, das ist wichtig und nicht selbstverständlich“, sagt er.

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