Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen darüber finden Sie unter den Algemeinen Nutzunsbedingungen. Allgemeine Nutzungsbedingungen
younion

E-Mail: info@younion.at
Hotline (01) 313 16 / 8300
Vom Handy: *900

Twitter

Werner Ertl Betriebsrat Werner Ertl

So sieht es im ORF wirklich aus

Liberale Lobbys haben es geschafft, den ORF als Schlaraffenland hinzustellen. Die Wahrheit sieht anders aus.

Hätte Werner Ertl nicht diese Wärme im Auftreten, könnte er von seinem Aussehen glatt als Banker durchgehen. Der ORF-Technik-Betriebsrat spricht seine Sätze ruhig und eindringlich. „Der Einsparungsdruck ist permanent und intensiv“, sagt Ertl, dessen Zuständigkeit als Betriebsrat für die Technik im ORF viele Berufe umfasst.

Dazu zählen Maskenbildner, Gewandmeister, Ton- und Bildtechniker, Video-Cutter, Messtechniker, Anlagenplaner, Sendetechniker, Administrativkräfte und eine ganze Reihe von Handwerkern wie Maler, Kunststofftechniker bis hin zu Schlossern, Tischlern und Tapezierern und weitere. Überwiegend arbeiten in diesen Berufen Männer, aber auch – und forciert – Frauen.

Grundsätzliches zuerst

Ertl: „Der ORF steckt sein Budget zum überwiegenden Teil in den Ankauf und die Produktion von Fernseh- und 
Hörfunksendungen, die Erstellung aktueller Beiträge und Sendungen von gesellschaftlichem Interesse mit Inhalten sowohl aus den Bereichen Kultur, Sport, Unterhaltung, Doku, News als auch konfessionellen, minderheitsrelevanten und sonstigen nicht breitenwirksamen Themen.“

Damit folgt man in vier Fernsehvollprogrammen mit neun Lokalprogrammen sowie drei nationalen und neun regionalen Hörfunkprogrammen dem gesetzlich vorgeschriebenen öffentlich- rechtlichen Auftrag.

Über das Argument der privaten Mitbewerber, sie würden auch öffentlich-rechtliche Inhalte zusammenbringen, kann Ertl nur schmunzeln: „Nicht jeder, der einmal eine News-Sendung spielt, tut deswegen Öffentlich-Rechtliches. Das ist ein bisserl öffentlich rechtlich – so wie ein bisserl schwanger.“

Der Auftrag des ORF hingegen umfasst zusätzlich viele unbequeme, kostspielige Aspekte wie den nationalen Versorgungsauftrag oder etwa die Sicherstellung einer Krisen- und Notfalls-Berichterstattung. Die dafür nötige Infrastruktur, deren Instandhaltung und die notwendigen Redundanzen, muss der ORF gesetzlich verpflichtet sicherstellen und natürlich für die Kosten aufkommen.

Knapp bei Personal

Liberale Lobbys haben es geschafft, den ORF als Schlaraffenland hinzustellen, wo in den Flüssen Milch und Honig fließt und die Backhenderl herumfliegen. Die Wahrheit – etwa in Personalfragen – sieht vollkommen anders aus.

Ertl: „In gut acht Jahren wurden rund 20 Prozent Personal im Gesamtunternehmen abgebaut. In der Technik ist nur etwa die Hälfte der Beschäftigten auch tatsächlich angestellt. Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen arbeiten seit über 20 Jahren als überlassene Arbeitskräfte.“

Das heißt klar ausgesprochen: In der gesamten Branche ist Prekariat weiter am Vormarsch. Man will die Personalkosten senken. Dass die Kosten für Senderechte explodieren, Wartungsverträge und Investitionen teurer werden oder auch Baukosten steigen, wird hingegen achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Wir kämpfen

Ertl gibt sich aber kämpferisch. Am Weg zu den Werkstätten macht er klar, dass er nicht bei dem Spiel mitmachen werde, die Gruppen gegeneinander auszuspielen. „Bestehende Jobs müssen erhalten bleiben, die Arbeitsbelastung hat die Zumutbarkeitsgrenze bereits überschritten. Und Dienstnehmerinnen und Dienstnehmern muss die Planbarkeit ihrer Lebensgestaltung möglich sein – auch für unbefristete Verträge“, zählt Ertl die ersten beiden Punkte auf, für die er kämpft.

Und fährt fort: „Punkt drei ist die Erhaltung des Leistungsumfanges in den technischen Betrieben. Denn es kann nicht sein, dass die interessanten Tätigkeitsfelder in unserer Branche von ausländischen Subfirmen übernommen werden. Es geht einfach um die Jobaussichten kommender Generationen.

Und als vierten Punkt nennt der Technik-Betriebsrat sein Nein zur weiteren Senkung von Personalkosten durch Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse. „Denn wer arbeitet wie ein Angestellter, soll auch einer sein.“

Gerade hier sei im vergangenen Nationalratswahlkampf viel von Fairness, Freiheit und Gerechtigkeit zu hören gewesen. Nun werde man sehen, wie ernst das gemeint war.

Werkstatt-Rundgang

In den Produktionshallen am Küniglberg zischt, hämmert und rattert es. Verschiedene Teams mit speziellem Know-how arbeiten Seite an Seite für die Dekorationsfertigung. Auch die Maschinen sind Spezialanfertigungen, denn die Materialien fürs Fernsehen haben andere Qualitäten – weil auch andere Anforderungen.

Neben Brandschutz muss man Leichtigkeit, Transport, Stabilität – vor allem aber Kamera- und Tontauglichkeit mitbedenken. Andreas Tröstl, Tapezierer und Raumausstatter: „Der Betrieb geht 365 Tage und 24 Stunden pro Tag. Wir sind immer einsatzbereit. Wenn es heißt, wir müssen um 2.00 Uhr in der Früh anfangen, weil aus aktuellem Anlass eine Sendung stattfindet, dann muss bis dahin alles stehen.“

Tröstl ist ein Urgestein, kennt viele Geschichten. Etwa, dass er als Privatmann mit seinem Sohn eine Riverdance- Show anschauen wollte, und dann zu einem der Retter derselben wurde: „Die Tänzer haben gesagt, sie treten auf dem Boden nicht auf – und das kurz vor Sendungsbeginn. Wir haben 150 m2 Boden abgebaut, zusammengepickt, wiederverlegt – und dann sind sie aufgetreten. Um Punkt Viertel vor neun.“

Wenn man einen privaten Tapezierer um diese Zeit für einen Noteinsatz anruft, meldet sich wahrscheinlich die Mobilbox. Und falls zufällig doch ein Profi einsatzbereit ist, schafft er es nicht rechtzeitig für die Problemlösung zum Einsatzort zu kommen. The Show must go on – und ein einsatzbereites und motiviertes Team mit Loyalität zum Haus ist eben für einen stabilen Betrieb essenziell.

Regieplatzbesichtigung

Am Weg aus den Werkstätten begleitet uns Manfred Baumgartner, Tonmeister. Er erklärt uns Tonregie, Bildregie, Bild- und Lichttechnik: „Wir arbeiten hier ohne Tageslicht, das strengt an, a
ber verhindert Reflexionen in der Monitorwand.“

Bei den vorwiegend am Abend stattfindenden Diensten für die Shows wäre das noch zu verkraften. „Was uns aber mehr zusetzt, sind die heftigen Dienstzeitwechsel, unseren tatsächlichen Dienst erfahren wir erst um 16.30 Uhr des jeweiligen Vortages, die Lage der Wochenendtage erst am Freitag der Vorwoche.“

Da ist natürlich Flexibilität gefragt, auch von den Familien. Zudem ist aufgrund von Personaleinsparungen und nicht erfolgten Nachbesetzungen der Altersdurchschnitt absolut überdurchschnittlich. „Vor 20 Jahren hätte ich diese Dienste noch leichter weggesteckt“, sagt Baumgartner.

Am Rückweg in Ertls Büro erklärt uns dieser, dass die Herrn Tröstl und Baumgartner ebenfalls Betriebsräte und Gewerkschafter sind. Nachdenklich kommt auch er auf den hohen Altersdurchschnitt zu sprechen: „Die beiden Kollegen sind sozusagen Fossile, die neben ihrem Job noch leidenschaftlich für die Kolleginnen und Kollegen engagiert sind. Wie wir aber unsere Belegschaftsvertretung jemals verjüngen wollen, weiß ich nicht.“

Denn die wenigen, die nachkommen, müssen mittlerweile befürchten, durch ihre Tätigkeit ihre ohnehin nicht sichere Zukunft ernsthaft zu gefährden.

Artikel weiterempfehlen

Impressum

Österreichischer Gewerkschaftsbund

Newsletterauswahl

Der younion-Newsletter

Geschlecht
Geschlecht:
Name